Die Superfrauen kommen. In die graue Riege der Funktions-, Amts- und Anzugträger haben sich Kostüme eingereiht; lackierte Fingernägel lassen das Schloß vom Aktenköfferchen aufschnappen; Damentoiletten mußten in den Chefetagen installiert werden. Doch kaum haben sich die ersten von ihnen zu Führungskräften aufgeworfen, nörgeln die Frauen schon wieder.

Hand aufs Herz, irgend etwas muß mit der Emanzipation schiefgelaufen sein. Wir lesen Zeitung, und Maggie Thatcher bleckt uns an. Wir sehen fern, und Denver-Biest Alexis räkelt sich. Wir schauen in den Spiegel und sehen lauter böse Schwiegermütter. Wir bekommen Angst vor uns selber. Wir greifen zum guten Buch.

Neuerscheinungen zum Thema Karrierefrau gibt es gleich mehrfach. "Zum Teufel mit den Superfrauen", schimpft Michèle Fitoussi schon im Titel ihres Buchs. Dabei ist sie eben selbst erst die Karriereleiter hinaufgeklettert als Chefin vom Dienst bei der französischen Frauenzeitschrift Elle. Nicht weniger widersprüchlich scheint sich die amerikanische Publizistin Colette Dowling zu verhalten. Erst vor wenigen Jahren hat sie in ihrem Bestseller einen weiblichen "Cinderella-Komplex" diagnostiziert und gerügt, daß Frauen nur untätig auf den Märchenprinzen ihres Lebens warten. Aber kaum kommen die ersten Damen als Verfügungsgewaltige über Geld und Macht daher, da weiß Colette Dowling gleich wieder, wohin der Weg führt: Diese "Perfekten Frauen", so der Titel ihres Buchs, treten nur eine "Flucht in die Selbstdarstellung" an.

Wir sind geknickt. Michèle Fitoussis Buch in der linken Hand und in der rechten den Mixstab für die Sauce hollandaise, hinter uns einen schweren Arbeitstag, vor uns ein Spargelessen mit Geschäftsfreunden: In einem solchen Horror-Szenarium erwischt uns die Botschaft der £//e-Chefin ganz gewaltig. Laß fahren die eitle "Sucht nach Perfektion", die uns Medien, Werbung und Feministinnen einreden. Die Karrieristin in uns und "sportlich-klassische Frau in Familienausführung" bricht endgültig zusammen. Wir reißen uns das Jil-Sander-Kostüm vom Leib und den Topf vom Herd. Wir pfeifen auf das Abendessen und die Geschäftspartner. Statt des unterschriebenen Vertrags nehmen wir am nächsten Tag unseren Jüngsten mit ins Büro, so daß jegliche geregelte Arbeit zusammenbricht. Dank Michèle Fitoussi merken wir dann, was wir immer schon wußten: Die Frau als Mutter gilt rein gar nichts in der Großindustrie. Auch der "Lebensgenuß im Zeitraffer" ist uns verleidet, und wir verzichten guten Gewissens auf Chanel und die Genüsse selbstgekochter Marmelade. Sensibel wie die Autorin hinterfragen wir unseren Vierzehn-Stunden-Arbeitstag: "Bleibt die Geilheit auf der Strecke?" Natürlich, und wir greifen uns einen Lover. Wir mokieren uns mit der Autorin über die Feministinnen, die sich "ganz verstohlen auf den Rückzug gemacht" haben. Wir sind endlich völlig auf uns gestellt. Und urplötzlich merken wir: Irgend etwas haben wir schon wieder falsch gemacht. Haben uns zurückpfeifen lassen von unserer großen Elle-Schwester. Erst hat sie uns mit Hilfe ihrer Anzeigenabteilung in den Kaufrausch und in die Karriere gejagt; jetzt bläst sie zum Rückmarsch. Und wieder ist sie auf der Höhe des Zeitgeistes: Kontemplation ist in, die große Machthatz out. Also marsch, zurück an den Herd? Mitnichten. Frau Fitoussi rät: "Ja, wir sollten uns für unsere Töchter und Enkelinnen schlagen." Da stutzt die gehorsame Leserin in ihrem seligen Müßiggang. Soll ihr doch noch eine Bürde aufgebuckelt werden? Ganz richtig. Diese Durchhalteparole ist der erste vernünftige Satz des Buches. Auf Seite 236, der letzten.

Bei Colette Dowling hingegen ist die historische Pflicht den Töchtern gegenüber der erste Gedanke. Deshalb führt ihr Buch über "Perfekte Frauen" auch weiter. Natürlich hocken wir immer noch im Schwitzkasten unseres Jil-Sander-Kostüms, natürlich war das Essen ein voller Erfolg, und auch die Kleinen schlafen endlich. Wir lesen und verstehen: Unsere Mütter leben zumeist noch in einem Zwischenreich, den Kopf voller Emanzipationsideen, im Beruf aber auf subalterne Stellen oder den Haushalt verwiesen. Sie projizieren auf uns ihre Hoffnungen, aber auch Ängste vor der Karriere. Sie stoßen uns vorwärts und ziehen uns gleichzeitig zurück. Im Zielkonflikt zwischen Mutterliebe und Spitzenjob sabotieren wir oft den eigenen Aufstieg. Die Stimmungskurve vieler top girls schwankt zwischen Euphorie und Selbstüberschätzung zum einen und Apathie zum anderen. Mal trumpfen wir mit Hochmut auf, mal bestrafen wir uns als demütige "Selbstauslöscherinnen". Wir sind gekränkt und "rasen schweigend". "Launen" nennen das die Männer, deren Berufsweg stets vom Mutterlächeln begleitet wurde. Wir aber fürchten den mütterlichen Neid und ihre Verletztheit insgeheim, weil wir zum erstenmal in der Geschichte die Mütter überholen können. Mehr als vom Patriarchat fühlen sich erfolgreiche Frauen daher durch weibliche Rivalität, durch ihre Kolleginnen und Mitkämpferinnen bedroht. Je höher die Ziele allerdings, desto größer die Gefahr zu versagen. Das macht Angst. Die verrutschte Frisur, der kleinste Rechenfehler, der heruntergefallene Bleistift: alles wird zum Debakel. Wir umgeben uns mit Sicherheitszonen und züchten Killerinstinkte, wie kaum ein Mann es tun würde. Da hilft, so Colette Dowling, nur eines: Wir müssen durchhalten und selber Spiegel werden für andere Frauen – gelebte Vorbilder, Sicherheit, es schaffen zu können. Damit Frauen gelassener werden können. Damit Maggie Thatcher nach der inneren auch die äußere Abrüstung einleiten kann.

Christine Richard