Von Nikolaus Piper

Sergej Viktorowitsch Borowikow hat sich ein Ziel gesetzt. „Ich will die Menschen in Moskau satt machen“, sagt der stellvertretende Generaldirektor der Firma „Mosrestaurantservice“. Und wer selbst schon einmal in der sowjetischen Hauptstadt versucht hat, einen freien Tisch im Restaurant zu bekommen, der ahnt, was für eine gewaltige Aufgabe dies ist.

Der Schreibtisch des 32jährigen Managers steht in einem mit sechs Angestellten reichlich überfüllten Büro an der Gorkistraße; seine Firma Mosrestaurantservice verwaltet alle Gaststätten und Hotels des Moskauer Stadtsowjets, und sein spezieller Job ist es, mit Hilfe westlicher Gastwirte und Manager die Trostlosigkeit in diesen Betrieben zu beenden. Sechs Gemeinschaftsfirmen (Joint-ventures) mit ausländischen Firmen hat er bereits registrieren lassen, drei weitere Verträge sind unterschriftsreif, mit zwei Partnern ist man kurz vor Abschluß der Verhandlungen.

Sergej Borowikow ist viel herumgekommen in der Welt. Nach dem Studium der Ökonomie arbeitete er sechs Jahre lang als Übersetzer in Ägypten und Pakistan, danach in der Moskauer Verwaltung für den Personennahverkehr. Dabei wurde ihm klar, daß eine Wende in der sowjetischen Wirtschaft unvermeidbar ist. „Es hat einfach keinen Sinn mehr, immer nur Löcher dadurch zu stopfen, daß man an anderer Stelle welche aufreißt“, umschreibt er diese Erkenntnis. Der junge Ökonom wurde so zum Repräsentanten einer neuen Generation von Sowjetmanagern, die nun in die Führungspositionen der Sowjethierarchie einrückt: illusionslos, pragmatisch, arbeitswütig und entschlossen, die Früchte des Kapitalismus für ihr Land zu nutzen.

Die ersten dieser Früchte werden die Moskauer voraussichtlich Ende dieses Jahres auf dem zentralen Boulevardring in der Nähe des Puschkinplatzes verspeisen. Dann nämlich wird dort, wenn die Bürokratie nicht noch verrückt spielt, das erste McDonald’s-Restaurant der Sowjetunion eröffnet – Ergebnis eines spektakulären Joint-ventures des Stadtsowjets mit der größten Schnellimbißkette der Welt. Dort, wo vor der Oktoberrevolution Moskaus Schickeria zu flanieren pflegte, können dann die Kinder der Perestrojka Big Macs, Pommes frites und Apfeltaschen essen – in exakt der gleichen Qualität wie sie ihre Altersgenossen in New York, London oder Hamburg bekommen. Um dies zu erreichen, baut die kanadische McDonald’s-Tochter in der Nähe Moskaus eine komplette Fabrik für Brötchen, Bouletten und andere Vorprodukte. Sie soll ausreichen, um sechzig Filialen zu versorgen, zwanzig davon sind zunächst in Moskau geplant. Ebenfalls noch in diesem Jahr will die amerikanische Pepsico zwei Filialen ihrer „Pizza-Hut“-Kette eröffnen.

„Von McDonald’s und Pizza Hut erwarten wir einen Beitrag zur Lösung des Cateringproblems in Moskau“, sagt Sergej Borowikow. „Das Defizit hier ist so groß, daß nur eine große Kette mit vielen Filialen etwas ausrichten kann.“

„Das Defizit“ – das ist wesentlich mehr als fehlende Restaurantkapazität; es ist die Grunderfahrung des sowjetischen Alltags, daß die Beschaffung der simpelsten Dinge ein Problem ist und sorgfältig geplant werden muß und daß es alles, was schön ist und Spaß macht, sowieso nicht gibt. Das Defizit ist in jüngster Zeit noch schlimmer geworden, und es bestimmt heute fast jedes Gespräch mit Sowjetbürgern: Ende Mai waren Fleisch und Zucker rationiert, wochenlang gab es kein Salz, Gerüchte gingen um, daß Streichhölzer knapp werden. Und in Leningrad stand einem Bürger ein ganzes Stück Seife für drei Monate zu.