Von Angela Oelckers

Regensburg

Grasfasertapete, Rattanregale und braune Apothekergläser mit Folia betulae oder Herba bursa pastor – schon die Einrichtung signalisiert, daß es hier unerbittlich ökologisch zugeht. Und auf die Köpfe der Kundschaft kommen ausschließlich Naturprodukte aus eigener Herstellung. „Die sind theoretisch alle eßbar“, meint Hans Urban, Öko-Friseur und Besitzer des „NatuPur“-Salons in der Regensburger Innenstadt.

Ein Wässerchen gegen hormonell bedingten Haarausfall gewinnt er aus Granatapfelkernen: „Ich habe entdeckt, daß die Kerne eine Art natürliches Östrogen enthalten.“ Und die Grundsubstanz der Kräutershampoos, das Betain, wird aus Zuckerrüben hergestellt. Mit Artischockentinktur, Birke und Quark, mit Salbei, Hopfen und Ei geht es Haarproblemen an die Wurzel; Honig, Bier und Zitronensaft verleihen Glanz und Stand. Alle vierzehn Tage stellt sich Hans Urban ins hauseigene Labor und mixt: „Die Produkte sind frei von Konservierungsstoffen und müssen schnell verbraucht werden.“

Dauerhafte Locken aber sind ohne Chemie ebensowenig möglich wie Farbwechsel von Blond zu Schwarz und umgekehrt. Walnußblätter, Rhabarberextrakte und Henna können die eigene Haarfarbe nur um einige Nuancen intensivieren. Damit würden sich vielleicht manche begnügen, wenn sie wüßten, was beim Wellen und Färben mit Haut und Haaren geschieht. Nicht von ungefähr ziehen die meisten Friseure Gummihandschuhe an, bevor sie ans Werk gehen. Denn eine Dauerwelle funktioniert nach demselben Prinzip wie Enthaarungsmittel – nur geht die Zerstörung der Haarstruktur langsamer vor sich und wird eher abgebrochen. Die aggressive Thioglykolsäure bricht die Molekülstruktur des Haares auf, Wasserstoffperoxid fixiert dann die neue Form. Um Haare dauerhaft zu färben, müssen sie zunächst mit Ammoniak gequollen werden.

„Früher waren wir Friseure als ‚Bader‘ für die Volksgesundheit zuständig“, so Hans Urban, „und heute sind wir Handlanger der Chemieindustrie!“ Markige Worte – doch als alternativ möchte er sich nicht bezeichnet wissen. „Das setzen viele gleich mit billig oder ungepflegt“, vermutet er, der beim Waschen, Schneiden, Föhnen gern Jackett und Krawatte trägt. Seine Dienstleistungen sind durchaus nicht preiswerter als die anderer Friseure und seine Kunden, darauf besteht der Meister, „durchaus modebewußt“. Die meisten leiden unter Haarproblemen oder Allergien oder „haben einfach keine Lust mehr, sich Chemie in die Haare schmieren zu lassen“.

Die Wandlung des Meister Urban zum Öko-Frisuer begann vor fünf Jahren. Sei es, daß den Besitzer dreier Salons in Regensburg ein gewisses Geschäftsinteresse bewegte („Meine Mitarbeiter fehlen viel seltener wegen Allergien, seit wir ohne Chemie arbeiten“); sei es, daß ihn der eigene Schopf quälte („Ich habe jahrelang unter fettiger Kopfhaut und Schuppen gelitten“), jedenfalls studierte Hans Urban alte Rezepturen und machte sich ans Experimentieren. Alle „NatuPur“-Produkte hat er am Menschen erprobt: an sich selbst.