Das Militär hat die Demokratie-Bewegung in einem blutigen Massaker niedergewalzt

Von Gisela Mahlmann und Bernhard Hermann

Peking, im Juni

Samstag. Am Vormittag fahren wir mit dem Rad in Richtung Innenstadt. In der vergangenen Nacht hat die Armee vergeblich versucht, ins Zentrum Pekings vorzurücken. Barrikaden aus Bussen, Lkw, Betonklötzen und Tausende von Pekinger Bürgern versperrten den Soldaten den Weg. Der Tiananmen-Platz bietet ein friedliches Bild. Das Chaos der vergangenen Wochen ist einem geordneten Zeltplatz gewichen. In der Hitze dösen junge Leute, auf Matten, Schlafsäcken, sogar auf Feldbetten aus Metall. Um die von Studenten und Lehrern der Kunstakademie gebaute Nachbildung der New Yorker Freiheitsstatue steht ein dichter Ring von bunten Igluzelten, Spenden von Hongkongchinesen, wird uns gesagt. Blumen liegen zu Füßen der „Göttin der Demokratie“. Mit kleinen Lautsprechern versucht eine Führerin der neugegründeten autonomen Arbeitervertretung vergeblich gegen die seit Wochen bei Tag und Nacht in ohrenbetäubender Lautstärke über den Platz schallende Propaganda anzuschreien. Partei und Regierung fordern die „Kinder“ des Volkes auf, Vertrauen zu haben, den Platz zu verlassen. Doch deren Ohren scheinen längst taub geworden zu sein. Sie schlafen tagsüber, sie wachen in den Nächten.

Unter der Heldengedenksäule auf der Mitte des Tiananmen-Platzes hat eine kleine Gruppe von Menschen wieder einen Hungerstreik begonnen. Ein paar ausländische Fernsehteams sind dort und inszenieren ihre Bilder selbst. Auf Kommando heben die Menschen ihre Arme hoch, die Finger zum Siegeszeichen ausgestreckt. Ein paar hundert Meter weiter westlich auf der Changan-Avenue steht ein Armeelastkraftwagen. Soldaten sind keine zu sehen, die Pritsche ist von Zivilisten besetzt. Als ein weiterer olivfarbener Lkw herankommt, wird er sofort gestoppt. Zwei junge Leute springen auf die Stoßstangen, öffnen die Haube und machen sich am Motor zu schaffen. Der Wagen wird fahruntüchtig gemacht. Die drei Insassen im Fahrerhaus schauen konsterniert, wagen angesichts der Massen aber kaum zu protestieren.

Am frühen Samstagabend stehen an der Kreuzung, an der die zweite Ringstraße auf die Changan-Avenue führt, etwa 50 Militärfahrzeuge, auf jedem ungefähr 20 oder 25 Soldaten, vielleicht 18 oder 20 Jahre alt. Kindergesichter, naiv, verwirrt, unsicher. Die Soldaten tragen Stahlhelme, scheinen aber unbewaffnet zu sein. Die Lastwagen stehen in einer nach Tausenden zählenden Menge. Es gibt für sie kein Vor und kein Zurück. Unter Beifall steigen junge Leute zu den Soldaten hinauf und reden wild gestikulierend auf sie ein: „Es gab hier keine Unruhe, bevor ihr gekommen seid. Peking war friedlich. Unruhe hat nur Ministerpräsident Li Peng gestiftet.“ Ein Student verteilt Flugblätter an die Soldaten. „Laß das, das ist Papierverschwendung“, ruft einer aus der Menge, „die können ohnehin nicht lesen.“

Die Atmosphäre ist gereizter geworden, aggressiv. Die ersten Toten gab es schon in der vergangenen Nacht. Ein Polizeiwagen war mit hoher Geschwindigkeit in eine Menschenmenge hineingerast. In den Fernsehnachrichten wurde das als ein bedauerlicher Unfall bezeichnet und gesagt, ein chinesisches Fernsehteam hätte den Wagen der bewaffneten Polizei benutzt und den Unfall verursacht. Doch dieser offensichtliche Versuch, die Polizei reinzuwaschen, kann die Empörung der Bevölkerung nicht mehr besänftigen.