Paul Hillier: Proensa

Musik und Dichtung aus der Provence („Proensa“) – erste überlieferte Kunstäußerungen eines weltlichen Standes (Rittertum) in Dialekten („Langue d’oc“) Südfrankreichs. Eine Zeitspanne zwischen 1150 und 1300, die den Anbruch einer neuen Epoche markiert: Die kirchliche Vormachtstellung wird gebrochen, der weltliche Dichter verdrängt den dichtenden Kleriker. Die erste moderne Form einer feudalistisch organisierten Kultur tritt ins Leben. In ihr wächst der Frau eine bis dahin unbekannte gesellschaftliche Position zu: Um ihre Gunst eifern unterschiedliche soziale Schichten in „Liebesliedern“ („Troubadours“): Könige und Fürsten (Heinrich VI., Wilhelm von Aquitanien), Vertreter des Hoch- und Kleinadels sowie bürgerliche Spielleute (Marcabru, Bernart de Ventadorn). Weitere Namen sind in der vorliegenden „Troubadour“-Auswahl mit Originaldichtungen dokumentiert. Abweichend von der Musik, die zu jener Zeit bereits im Notenbild fixiert worden ist, hat Paul Hillier, führender Kopf des phänomenalen englischen „Hilliard“-Vokalensembles, in diesem Falle den Gesang (mit Begleitinstrumenten) aus Quellenmaterial („jenseits von konkurrierenden Theorieansätzen und Rekonstruktionsversuchen ...“) improvisatorisch nachgeahmt. Unter dem Etikett „The Theatre of Voices“ glaubt er die Rechtfertigung für seine kühnen mediävistischen Expeditionen und Experimente zu finden. Die hervorragende Aufnahme (im provenzalischen Dialekt) gibt dem profunden Kenner allemal Gewähr. (ECM New Series 1368 – 837 360)

Peter Fuhrmann