Von Peter von Becker

Es ist der 1. Juni in London, und jener Theaterabend naht, "auf den das Showbusiness so lange gewartet hat" – so eine Schlagzeile der englischen Morgenpresse. An diesem Tag ist auch der sonnigste Mai, den Großbritannien seit Jahrzehnten erlebt hat, unwiderruflich zu Ende gegangen. Es gießt in Wolkenbrüchen, und just heute plagt die Zehnmillionenstadt ein wilder U-Bahnstreik. Aber Dustin Hoffman spielt den Shylock.

Als wir uns um 6:40 p.m., zwanzig Minuten vor Vorstellungsbeginn, durch die Blechlawinen der City bis in den Theaterbezirk des Westends durchgeschlagen haben, im Rücken noch eine Leuchtreklame für den Musical-Dauerbrenner "Les Miserables" (Unterzeile: "Fight to get a ticket"), vor uns bereits einen Signalpfeil zum "Merchant of Venice", da sind erst mal alle Demütigungen vergessen, die einem Angehörigen der (nicht existenten) Auslandspresse im Laufe zahlreicher Telephonate, Brief- und Telefaxwechsel mit britischen Theater-Presseagenten widerfahren können. Als in der Woche vor der Premiere mit einem Formbrief ohne Datum die Mitteilung kam, daß für die fünfzehn Wochen Laufzeit der Londoner Produktion des "Kaufmann von Venedig" nun doch keine Presse- oder Kaufkarten zur Verfügung stünden, waren durch einen hilfreichen Geist am Orte wenigstens schon zwei Notsitze erworben worden – und für alle Fälle ein Opernglas.

Zuspätkommende, so die Warnung vorab, erhalten keinen Einlaß. Nun freilich liegt der Eingang des hübsch verwinkelten, spätklassizistischen "Phoenix Theatre" in einer Seitengasse und ist kaum breiter als der eines Studiokinos. Die Gasse wiederum dient heute abend auch als Einfahrtsschneise großräumiger Limousinen sowie als Kampfstätte wetterfester Pressephotographen und Fernsehteams. Schon stürzt uns hier ein Bataillon Kameras entgegen; wir machen gerade noch über eine Wasserlache hinweg einen Satz zur Seite und sind dann irgendwie erleichtert, daß uns nun Placido Domingo mit Gattin vorweg ein wenig den Weg bahnt. Kaum haben wir im Inneren leicht schwindelnd den zweiten Rang erklommen, säuselt eine Lautsprecherstimme, die Vorstellung beginne in genau zehn Minuten. Hier fällt uns ein, daß so etwas wie eine Garderobe in englischen Theatern an sich nicht vorgesehen ist. Weil Schirm und Mäntel jedoch schwer von Wasser sind und die Theaterproduktion schon vor dieser Premiere für 1,5 Millionen Pfund (über 4,8 Millionen Mark) Karten verkauft hat, denke ich, es müsse ausnahmsweise auch noch der Luxus einer Kleider- und Schirmablage möglich sein. Und tatsächlich gibt es neben drei oder vier Bars in diesem Theater auch eine Garderobe, im Keller, für 50 von 800 Besuchern.

Ob Nerz oder Ölhaut, da wird es eng, und der Lautsprecher säuselt, nun seien es noch sieben, noch fünf, noch drei Minuten. Ich weiß nicht, wie Joan Collins oder auch nur Harold Pinter das Problem hier lösen. Aber dankbar bin ich bereits, daß eine schlanke blonde Dame neben mir zu allem recht geduldig lächelt, während sie sich eine Botschaft aus einem Umschlag nestelt, auf welchem nur das Wort Twiggy steht. Und als es eigentlich nur noch null Minuten sind, zwängt sich ein korpulent strahlender Herr im weißen Dinnerjacket durch die Menge, eine rosa Bonbonniere im Arm mit einem handgeschriebenen Anhänger "for Dustin". Es war der Regisseur des Abends, Sir Peter Hall.

Endlich zu meiner Begleiterin in den zweiten Rang zurückgekehrt, scheint das Schauspiel auch begonnen zu haben. Denn auf offener Bühne, einem von bräunlich marmorierten Säulen umgebenen venezianischen Bilderbuchhof (Design Chris Dyer) hockt an einem der hinteren Pilaster bereits ein stummer Bettler. Der freilich wird dort noch ein weiteres Viertelstündchen ausharren müssen, bis der christliche Kaufmann Antonio nebst Gefolge über einen Seufzersteg hereintritt und ahnungsvoll den ersten Vers anstimmt: "I know not why I am so sad."

Der Darsteller Leigh Lawson ist hierzu in dunkelblauen Samt gewandet, er hat den Kopf ein wenig in den Nacken und die Stimme aufs Tremolo verlegt. Und das wäre, kurz gesagt, auch schon der Stil des Abends.