Von Michael Ignatieff

LONDON. – Michail Gorbatschows Reise in die Bundesrepublik wirft in der Debatte, welches Europa wir eigentlich anstreben, eine neue Frage auf: Welchen Platz soll Rußland in unserem europäischen Dorf einnehmen

Natürlich ist Rußland in dem Sinne europäisch, daß es ein christliches Land ist oder doch zumindest einmal war. Aber die Kirche dort wurde, anders als im Westen, nie zu einem Machtfaktor, um den herum sich der Grundgedanke europäischer Entwicklung kristallisieren konnte, daß das Recht und die Bürger vom Staat unabhängig sind. Im Mittelalter bewahrte das christliche Moskau Europa zwar vor den Mongolen, aber es wurde dadurch eher mongolisch als westlich. Als Peter der Große im Jahr 1700 das Fenster nach Europa aufstieß, tat er dies wie ein asiatischer Despot, der seinen Untertanen westliche Lebensformen aufzwang.

Nach der Französischen Revolution wurde Rußland zum Gendarm Europas, von jedem Republikaner zwischen Warschau und Paris verachtet. Nur für eine kurze Zeit – von der Aufhebung der Leibeigenschaft 1861 bis zur März-Revolution 1917 – gab es eine unabhängige Schicht in der russischen Gesellschaft, die Rußland zu einem echten Teil Europas machen wollte. Die Mitglieder dieser Schicht – meine Großeltern gehörten dazu – fühlten sich in der französischen und deutschen Sprache ebenso zu Hause wie in der russischen; sie schätzten die Pariser Geschäfte und die Dresdner Museen nicht weniger als die Kanäle und Paläste von Petersburg. Sie waren es auch, die Rußlands erste und einzige Erfahrung mit europäischen Freiheiten erkämpften: mit einem Parlament, der Duma, einer zwar noch vom Staat bedrängten, aber dennoch freien Presse und mit dem Beginn einer freien, streitbaren und unabhängigen Bürger-Gesellschaft.

Doch die Öffnung nach Europa forderte ihren Preis. Die Kluft zwischen einer europäisierten Oberschicht und der Masse der Landbevölkerung wurde immer breiter. Eine Gesellschaft, die die Republik oder wenigstens eine konstitutionelle Monarchie forderte, stand einer Monarchie gegenüber, die blind an ihren asiatischen Herrschaftsvorstellungen festhielt. Und eine gewaltsame Bewegung slawophiler Reaktion setzte sich zunehmend gegen die Vorstellung zur Wehr, daß die Zukunft Rußlands in Europa und nicht in Asien läge.

Mit der Oktober-Revolution von 1917 erzwangen die Bolschewisten eine Entscheidung im Streit zwischen den Vertretern der slawophilen und denen der westlichen Schule. Sie wollten die Revolution nach Europa exportieren, und dies gab der slawophilen Vision Auftrieb, Rußland sei der spirituelle Hoffnungsträger eines dekadenten Europas. Umgekehrt gab es im Zusammenhang mit der Modernisierung des Landes auch .Elemente der Verwestlichung im Programm der Bolschewiki. Doch blieben sie von der Verachtung geprägt, die die neuen Machthaber den Prinzipien westlicher Demokratien – daß der Staat dem Gesetz unterworfen ist und das Gesetz von den Bürgern beschlossen wird – entgegenbrachten.

Nach Lenins Tod übernahm ein Mann die Macht, der sein Land nicht weniger gegen Europa abriegelte als die Zaren zuvor und dann die Landbevölkerung zu einem Gewaltmarsch ins zwanzigste Jahrhundert trieb. Dabei verwischte Stalin alle Spuren jener schüchternen gemeinsamen Identität zwischen Rußland und Europa, die von der vor-revolutionären Intelligenzija mit soviel Mühe etabliert worden war. Jalta verfestigte die Zweiteilung der europäischen Kultur. Von dem gemeinsamen Haus europäischer Kultur, das von 1861 bis 1917 bestanden hatte, blieb bald nur die Erinnerung. Die russische Kultur zerbrach in drei Teile – die offizielle Sowjet-Kultur, die der Dissidenten und die der Emigranten.