Spaziergang auf den Kellerdächern

Von Esther Knorr-Anders

Die Kelten verschwendeten für Landschaftsschwärmerei keine Zeit. Dafür widmeten sie sich der wehrhaften Verteidigung von Grund und Boden. Sie nannten Thun "Dunon". Das Wort stand für den von ihnen besiedelten und mit feindabschreckenden Palisaden bestückten Hügel.

Die Kelten verschwanden, der Hügel blieb. Heute heißt er Schloßberg. Jeden, der in Thun, dem "Tor zum Berner Oberland" ankommt, zieht es auf den Berg mit dem hochragenden Schloß. Das allerdings, entstanden im 12./13. Jahrhundert, ist das Werk späterer Streithähne. Dazu gehörten – unter wechselnden Besitzverhältnissen – die Zähringer Herzöge und die Grafen von Kyburg. Sie waren handfester Machtausübung zugeneigt. Deshalb ist anzunehmen, daß auch sie Thun und Umgebung keine schönheitsdurstigen Blicke gönnten. Fraglos büßten sie viel Freude ein, denn das Panorama ist an allen Ecken und Enden herrlich.

Ich trete auf die Sinnebrücke. Blaugrün strömt die Aare ihres Wegs, teilt sich und umzingelt eine große, der Altstadt vorgelagerte Insel. Auf ihr befindet sich das Bälliz, Thuns Flanier- und Einkaufspromenade. Aber auch der "Freienhof", ältester Gasthof der Stadt und heute Komforthotel, ist auf der Insel beheimatet. Er hält das Aare-Ufer bei der Sinnebrücke besetzt. "Sinne" bedeutet "Eichstätte". Vor dem "Freienhof" wurden einst die Schiffswaren umgeladen, verzollt, gewogen. Manch einer, der etwas auf dem Kerbholz hatte, stürmte in die "Freiheitsstube" des "Freienhofs", wo ihn niemand beim Kragen packen durfte.

Ich erreiche das Altstadtufer. Da sind sie zu sehen: Eiger, Mönch, Jungfrau, Niesen. Die Schneeriesen glitzern unter blendender Sonne, scheinen Eisfunken zu sprühen. Wenige Meter weiter biege ich in einen schlauchartigen Straßenzug ein, die Obere Hauptgasse, ein im 12. Jahrhundert angelegter "Gassenmarkt". Hohe, schmale Häuser verschiedener Epochen drängen sich aneinander. Die seltsamen "Hochtrottoirs" verzögern den Schritt. Sie sind die Dächer von Kellern, die einfach vor die Häuser gebaut wurden und dienten zum Lagern der Verkaufsgüter, waren Handwerksstätten. Auch Schweine wurden dort gemästet, Hühner fanden Unterschlupf. Das ist längst vorbei. Als Winzigläden, als Imbißstuben fungieren die Keller heute.

Das Haus Nr. 56 fällt auf. Über die Tür des Empirebaus windet sich eine holzgeschnitzte Lorbeergirlande; der Messingklopfer blinkt in Gestalt eines springenden Delphins. Ein Schild klärt auf, daß Louis Napoleon Buonaparte im Haus wohnte, als er 1834/35 an einem Ausbildungskursus der Thuner Militärschule teilnahm. Jeder Einheimische weiß, daß der spätere Franzosenkaiser es zum Hauptmann der Berner Artillerie gebracht hatte. Ob aus diesem Grund Lorbeer die Tür schmückt, läßt sich nicht feststellen.

Prächtige Firmen- und Zunftschilder, altehrwürdige Wappensteine, Rokoko-Fenstergitter, düstere Arkaden – dies kunterbunte Durcheinander der Stile und Formen verleiht der Oberen Hauptgasse wirbeligen Reiz. Sie weitet sich zu einem Platz – in der Mitte ein Brunnen; rundherum Fassadenzauber. Um 1361 war der Platz Rindermarkt, von 1500 an Rathausplatz. Ein Schuft, wer Arges dabei denkt. Aber noch heute fällt der Blick zuerst auf das breitleibige "Zunfthaus zu Metzgern". Sein Erkennungszeichen: ein aufrecht wardelnder, grell vergoldeter, zähnefletschender Löwe schwingt das Metzgerbeil. Dagegen kommt das graue Rathaus mit seinem vergitterten Archivturm nicht an. Vergittert wurde er, weil einst die Stadtakten schnöderweise geklaut worden waren.

Spaziergang auf den Kellerdächern

Aus der Ferne ist das Tosen der Aare durchs Untere Wehr zu hören. Glocken bimmeln. Plötzlich Geböller. Irgendwo findet eine Schießübung eidgenössischer Soldaten statt. Thun ist nun einmal militärischer Ausbildungs- und größter Waffenplatz der Schweiz. Und das hat im Grunde der "Fulehung" auf dem Gewissen. Als Bronzedenkmal steht er am Berntor. Alljährlich findet im September der "Ausschießet", das Fest der Schützen, Armbrustschützen und des Kadettenkorps statt. Der "Fulehung" zieht umjubelt durch die Straßen. Er trägt eine greuliche Zottelhaarmaske mit Hörnern und Schellen. Mit einem Stecken, an dem Schweinsblasen befestigt sind, verhaut er die ihn neckende Kinderschar. Beliebter Mär zufolge soll der Hofnarr Karls des Kühnen von Burgund in der Schlacht bei Vaumarcus 1476 die gegenerischen Thuner, die sich betend dem Schutz des Himmels empfahlen, gräßlich verspottet haben. "Fule Thunerhüng", rief er: "Faule Thuner Hunde." Das brachte die Thuner in Rage. Aus heller Wut siegten sie. Sie nahmen den Hofnarren gefangen und führten ihn triumphierend nach Thun. "Fauler Hund", riefen nun die Sieger.

Über einen mäßig steilen Pfad gelange ich zum Schloß, gehe durch den Torturm in den Hof. Monumentale Mauern bezeugen, daß dies Schloß Festung und Schutzburg war. Wohl aus diesem Grund fehlt jeglicher architektonische Außen- und Innenschmuck. Der Rittersaal fasziniert durch Kargheit. Seine buchstäblich leergefegte Fläche mißt rund neunzehn mal zwölf Meter. Sechsundzwanzig Balken bilden die Decke. Einziger Einrichtungsgegenstand ist ein riesiger Kamin. Er dürfte in rauhen Wintern vonnöten gewesen sein Seit 1888 ist das Historische Museum im Schloß untergebracht. Von archäologischen Funden bis zu Thuner Majolika ist alles aufgeboten, was eine örtliche Sammlung sehenswert macht. Die kostbarsten Stücke schmücken den Rittersaal.

Bevor ich den Schloßberg verlasse, geht mein Blick noch einmal übers weite Land. Ferdinand Hodler, der Schweizer Maler, der von 1876 bis 1870 in Thun lebte, bekundete in seinen "Autobiographischen Notizen" zwar, "bittere Not" gelitten zu haben, aber auch: "Die gewaltige Pracht der Stockhornkette, des Niesens, des leuchtenden Hochgebirges fesselten mich derart, daß ich gar nicht mehr an Essen, Trinken und andere Genüsse dachte." Gleiches passiert dem Gast, wenn er sich zur Seerundfahrt entschließt.

Zunächst geht es ein Stück die Aare entlang. Am rechten Ufer rückt das mittelalterliche "Scherzligkirchlein" ins Sichtfeld. Als Hochzeitskirche frequentiert, darf sich kein Pfarrer erlauben, den Trauakt über mehr als dreißig Minuten auszudehnen. Das nächste Paar steht bereits vor der Pforte. Bei Schloß Schadau gleitet das Schiff in den See. Der pittoreske Bau stellt seine Märchenhaftigkeit voll zur Schau. 1854 war Schadau für den Neuchâteler Bankier Abraham de Rougemont-de Pourtales unter reichlicher Verwendung tudorgotischer Bauelemente fertiggestellt worden. Es blinken Türme und Türmchen, es blitzt farbiges Steinmaterial. Im Schloß ist ein piekfeines Restaurant.

Der Schadauer Schloßpark bietet ein weiteres Glanzlicht: das einst berühmte, dann in Vergessenheit geratene und endlich von den Thunern wiederentdeckte "Wocherpanorama", ein 39 mal 7,5 Meter messendes Rundgemälde. 1961 wurde es in den eigens hierfür errichteten Bau installiert. Immer im Kreis, von Ebene zu Ebene, spaziert man kreuz und quer durch Thun. Auf dem obersten Niveau angelangt, schaut man den Thunern zu den Fenstern hinein. Ungeniert beenden Herren und Damen die Morgentoilette. Die Katzen auf den Dächern sind zum Greifen nah. Marquard Wocher hatte beim Skizzieren auf einem Dach bei der Sinnebrücke gesessen. Er schuf ein Meisterwerk der Illusionsmalerei. 1814 wurde das aus vielen Teilen zusammengefügte Gemälde in einem hölzernen Turm in Basel vorgestellt. Damals erkannte niemand, daß der Künstler außer sozialgeschichtlich interessanten Alltagsdetails auch Stadtbaugeschichte festgehalten hatte.

Forsch zieht unser Schiff über den See. Schweizer sind an Bord, denen die Bergwelt schnuppe ist. Eifrig lösen sie Rätsel. Doch der Fremde vermag sich den nebelumhangenen Felskolossen, deren Häupter geisterhaft aus den weißen Schwaden ragen, nicht zu entziehen. Verglichen mit ihnen, erwecken sämtliche die Ufer säumenden Kleinstädte, Dörfer, Burgen, Kirchen den Eindruck von Kinderspielzeug. Wir nähern uns Oberhofen. "Das Schiff schwimmt ins Schloß", quietscht ein Knirps. Tatsächlich, so sieht es aus.

Dann nimmt das Schiff Kurs auf Spiez. Selbstverständlich hat auch dieser tausend Jahre alte Ort ein Schloß, und zwar ein rustikales. Es liegt in Rebenhängen eingebettet. Reich waren die Spiezer und ihre Schloßherren nie. Beständiger Schatz waren und blieben die Reben. Das Weinkellergewölbe macht es deutlich.

Spaziergang auf den Kellerdächern

Unglaublich langsam, so scheint mir, durchqueren wir die Beatenbucht, laufen einen einsam gelegenen Holzsteg an; Station für Passagiere, die mit der Bergbahn zum Niederhorn wollen. Wanderer winken vom Ufer. Sie werden auf dem Seerundweg zu den Beatushöhlen unterwegs sein, ins Labyrinth der Tropfsteingrotten hinabsteigen. Der heilige Beatus soll dort gelebt und – zum Wohle der ganzen Gegend – einen fürchterlichen Drachen niedergestreckt haben. Die kühne Tat zeitigt noch heute Folgen. Welcher Tourist traute sich sonst in die Höhlen?

Blitzblank, putzig an den Seerand gedrückt, angeln die Orte Faulensee, Merligen, Leissigen, Därligen nach Feriengästen. Idyllen wollen sie sein. Interlaken, der "Kurort von Weltruf", liegt zwischen dem Thuner- und Brienzersee, nahe am Fuß der Jungfrau. Endstation der Schiffsreise. Alles steigt aus. Konsterniert blicke ich in die Runde. Diese vielen Hotels! Altes und Neues vermengt. Soll das der Ort sein, in dem sich der "Gast sofort heimisch fühlt" (Prospekt)? Mit Hirtenfesten der Schweizer Alpbauern hatte es 1805 begonnen. Ein Heimatkünstler malte die volkstümlichen Feiern. Die Bilder erweckten Neugier. Erste Gäste kamen, die sich an unverfälschtem Brauchtum ergötzten.

Und jetzt? Rasende Autofahrer, Bars, Discotheken, Lärm, Gehaste. Die Schweizer Rätselfreunde erbarmen sich meiner "Lassen Sie sich nicht täuschen! Was Sie sehen, ist Fremdenverkehrs-Kulisse. Interlaken hat wonnige Winkel." Die hilfreichen Schweizer weisen mir den Weg. Glück gehabt!

Es wäre auch zu schade gewesen, das Abenteuer Thun mißstimmig beenden zu müssen. Denn schließlich war ich – im Geiste natürlich – auf den Mönch geklettert, habe Beatus in der Grotte heimgesucht, in der jahrhundertealten Schloßküche zu Spiez den Plättliboden geschrubbt und den Thunern das Banner im Burgunderkrieg vorangetragen. Kann man mehr tun, um dem Genius loci auf die Schliche zu kommen?