Hamburg

Auch Irmhild Kopfermann stellt ihre Milch in den Kühlschrank und hört gern Radio. Und einen Staubsauger hat sie ebenfalls. Nur fühlt sie sich wohler ohne Atomstrom und ist deshalb nicht gern auf die Lieferungen der Hamburger Elektricitätswerke (HEW) angewiesen.

Der Balkon ihrer Eimsbütteler Wohnung hat eine sonnige Südwestlage, und so kam die Musiktherapeutin auf die Idee, dort einen Sonnenkollektor anzubringen, der immerhin ihren Kühlschrank mit Strom versorgen konnte. Vom Erfolg ermutigt, vergrößerte sie die Anlage und installierte aus Solarmodulen, Akkus und Wechselrichtern ein komplettes Sonnenkraftwerk, das mittlerweile ihren gesamten Haushalt mit Strom versorgt. Sie kündigte den Vertrag mit den HEW, und ein Schalttag, der 29. Februar 1988, wurde für Irmhild Kopfermann zum „Abschalttag“. Seitdem schwärmt sie: „Die Sache mit der Solarstromerzeugung geht so gut – das möchte ich weitermachen und auch weitererzählen: Es geht, mach’s doch auch so!“

Wie lange es noch geht, das ist allerdings fraglich. In diesen Tagen befaßt sich das Hamburger Verwaltungsgericht mit der Solaranlage. Nach Ansicht der Bauordnungsbehörde ist das Kraftwerk auf dem Balkon nämlich genehmigungspflichtig, und auch der Vermieter muß einverstanden sein. Der war nicht einverstanden, die Mieterin baute trotzdem, das Amt begann zu handeln. Nach einem Ortstermin und sechs Monaten der Prüfung und Bewertung verfügte es die Beseitigung der Anlage. Frau Kopfermann legte Widerspruch ein, der im Frühjahr dieses Jahres mit einer sorgsam formulierten Begründung abgelehnt wurde: „... Da keinerlei Gewähr dafür besteht, daß die Solaranlage und ihre Befestigung jeglichen Witterungseinflüssen und sonstigen äußeren Einwirkungen standhält und zudem das Glas zersplittern kann, und hierdurch Passanten zu Schaden kommen können, ist die Anordnung der sofortigen Vollziehung zur Abwehr von Gefahren und unter Hintanstellung der Interessen der Widersprechenden geboten. ... Hinzu kommt, daß die blaue Solaranlage oberhalb des kleinen weißen Balkons die Fassade des Mehrfamilienhauses verunstaltet und damit in ihrer Fremdartigkeit gegen Paragraph 12 Abs.l der Hamburger Bauordnung verstößt. ... Die Solaranlage ist sowohl nach Form als auch nach Farbe und Material ein Fremdkörper in der Straßenfront des Gebäudes; sie verbirgt von außen gesehen das dahinterliegende Fenster als übliches Gestaltungselement und wirkt auf den Betrachter mehr als störend, unterbricht diese bauliche Anlage doch die gewohnte Wiederholung von Bauteilen wie Balkonen und Fenstern, die gerade durch ihre Regelmäßigkeit beruhigende und ästhetische Wirkung entfalten. Die Fassadengestaltung wird durch die Solaranlage in verunstaltender Wirkung unterbrochen.“

Die Sicherheitsfrage klärte die Atomkraftgegnerin auf ihre Art. Sie bestellte TÜV-Gutachter in ihre Wohnung, kletterte vor den Augen der Ingenieure auf das Paneel mit den Solarmodulen und turnte den Sachverständigen so lange etwas vor, bis die Herren ängstlich abwinkten. Von Kleinigkeiten abgesehen, die leicht zu beheben waren, hatte das TÜV-Gutachten späterhin an der Sicherheit des Kraftwerks nichts auszusetzen.

Die ästhetischen Bedenken des Bauamtes kann Irmhild Kopfermann nicht ernst nehmen: „Stehen nicht auf vielen Dächern kreuz und quer die Fernsehantennen?“

Vom Gericht erhofft sich die Mieterin nun eine Grundsatzentscheidung zugunsten privater Solarkraftwerke. Ihr Anwalt ist ohnehin davon überzeugt, daß die Baufreistellungsverordnung Sonnenkollektoren nur deshalb nicht nennt, weil der Gesetzgeber die technische Entwicklung noch nicht nachvollzogen hat. Denn prinzipiell zählen Sonnenkollektoren zu Stark- und Schwachstromanlagen, und die sind genehmigungsfrei.

Irmhild Kopfermann wünscht sich für die Zukunft, daß Leitungen für die eigene Solaranlage beim Bau neuer Wohnungen bereits mitverlegt werden. Bei ihr verlaufen die Kabel noch in dicken Bündeln durch die Räume. In der Vehrenkampstraße 2, Hamburg 54, wohnt eben eine echte Strompionierin. Michael Conrad