Von Ulrich Detsch

Heinz Köhler, Landrat im oberfränkischen Kronach, stöhnt oft über den Müll, den Bürger und Gewerbetreibende in seiner Heimat produzieren. Besonders ärgert ihn der steigende Plastikanteil in den Abfalltonnen. „Die Berge wachsen schneller als wir reagieren können“, seufzt der Kommunalpolitiker. Nun hat er doch reagiert. Als Vorsitzender des Abfallzweckverbandes Nordwest-Oberfranken hat er dafür gesorgt, daß in der 300-Seelen-Gemeinde Blumenrod eine moderne Müllverwertungsanlage entstanden ist, die etwas ganz Besonderes kann: aus Kunststoffmüll ein Granulat herstellen, das als Rohstoff für neue Kunststoffprodukte zu verkaufen ist – einmalig in der Bundesrepublik.

Bis zu 6000 Tonnen bunten Kunststoffmüll kann die Pilotanlage jährlich zu etwa 4000 Tonnen graufarbigem Recycling-Granulat aufbereiten. Die kunststoffverarbeitende Industrie kann diesen Rohstoff aus Müll für weniger als eine Mark pro Kilo kaufen; die gleiche Menge Neugranulat kostet gut das Doppelte. Mit der neuen Anlage werden etwa zwei Drittel des Kunststoffes im Hausmüll wiederverwertet und in den Stoffkreislauf zurückgeführt.

Nach halbjährigem Probebetrieb nahm der bayerische Umweltminister Alfred Dick, aus dessen Etat die zehn Millionen teure Anlage zu achtzig Prozent finanziert wurde, jetzt offiziell in Betrieb. Die Technik haben die Amberger Kaolinwerke (AKW) geliefert, die auch das Granulat verkaufen. Bei der Firma häufen sich schon die Nachfragen von Interessenten.

So schön das alles klingt: Die Kommunalpolitiker klagen trotzdem, vor allem in Richtung Bonn. Müll sei in den Städten und Gemeinden „Thema Nummer eins“, meint Landrat Köhler. Und dabei fühlen sich die Kommunalpolitiker vom Gesetzgeber im Stich gelassen. „Die müßten eigentlich überhaupt erst die Entstehung von Müll vermeiden. Das tun sie aber nicht, da müßten sie sich ja mit der Industrie anlegen. Die Entsorgung schieben sie auf uns ab. Wir müssen sehen, wie wir mit dem Müll zurechtkommen und mit den Bürgerprotesten.“

Grundsätzlich lautet die Prioritätenfolge beim Müll: vermeiden, verwerten, beseitigen. Zwar besteht nach dem Abfallgesetz seit 1986 das Gebot, Müll zu „verwerten“ und nicht mehr „nur“ zu beseitigen. Was aber heißt „verwerten“? Im Gesetz ist nichts konkretisiert. Und noch immer wird die thermische Verwertung, also die Verbrennung, der stofflichen und organischen Verwertung gleichgestellt. Es ist demnach allein die Sache der Kommunalpolitiker, wie sie mit den bedrohlich wachsenden Müllbergen fertigwerden.

Köhler (SPD) und seine Kollegen vom Abfallzweckverband haben sich über Parteigegensätze hinweg mit der Kunststoffaufbereitungsanlage bemerkenswert schnell auf eine stoffliche Verwertung geeinigt. Bereits 1982 liefen erste Versuche mit einer getrennten Müllsammlung. Heute müssen die knapp 300 000 Einwohner im Gebiet des Abfallzweckverbandes nicht mehr fünf verschiedene Kübel für die verschiedensten Abfallsorten aufstellen, um den Müll später einer stofflichen Verwertung zuzuführen: Jeder Haushalt hat neben der herkömmlichen grauen nur noch eine sogenannte „Grüne Tonne“.