Ziegelhausen

Radikale und SPD, Zukunft und Wohlstand ade – haben Sie in Ziegelhausen ein Plakat mit dieser Aufschrift gesehen?“ fragt Bernhard Stauder, der Ortsvereinsvorsitzende der CDU und fügt die Antwort gleich hinzu: „In Ziegelhausen gab es keines und wird es auch keines geben.“ Anette Scharpegge von den Ziegelhäuser Grünen pflichtet diesem Bekenntnis kopfnickend bei: „Das haben die CDU-Kollegen nicht aufgehängt und, werden sie auch niemals aufhängen.“

Denn in Ziegelhäuser! nominell seit 1975 ein Stadtteil von Heidelberg, tatsächlich aber ein Dorf, in dem sich 9500 Einwohner untereinander noch gut kennen, wird im Europawahlkampf nicht gezankt und geholzt. Die Ziegelhäuser Ortsvereine von CDU, SPD, Grünen und FDP führen nämlich einen gemeinsamen Wahlkampf, werben zusammen auf einem einzigen Wahlplakat schwarz auf gelb für die „Europatage in Ziegelhausen“.

Jede Partei hat natürlich Gelegenheit, ihre eigene Position zu Europa darzustellen“, erklärt Harry Muuß, der SPD-Ortvereinsvorsitzende, „aber unser Hauptziel ist es, am 18. Juni die Wahlbeteiligung in Ziegelhausen kräftig nach oben zu treiben.“ Die lag mit 50,6 Prozent bei der letzten Europawahl sogar deutlich unter dem Bundesschnitt und ließ die Ziegelhäuser Parteifunktionäre nicht ruhen. Bei einem Telephonat kamen die Ortvereinsvorsitzenden von CDU und SPD im November vergangenen Jahres auf die Idee, gemeinsame Sache zu machen für Europa. Und da die Solidarität der Demokraten gefragt war, schluckte manch einer, als neben der FDP auch die Grünen bei den „Europatagen“ mitmachen durften.

Die Bürger hat diese neue Form des Wahlkampfes bisher nicht sonderlich bewegt. Bei einem Podiumsgespräch zum Thema „Sieht die Jugend in Europa eine Chance?“ verloren sich ganze 40 Zuhörer in der 350 Plätze bietenden Steinbachhalle. Die Kommentare der tapferen Jugendlichen, die bis zum Ende der Veranstaltung ausharrten, reichten von „Alles zu schwammige Aussagen“ bis hin zu „Find’ ich ja gut, daß die vier Parteien das alles gemeinsam machen, auch gegen die Rechtsextremen, aber was da mit Europa auf uns zukommt, könnte ich nach der Podiumsrunde auch nicht sagen“.

Am ersten Juni-Sonnabend sollte ein großes Straßenfest auch europamüde Ziegelhäuser mobilisieren. Unter dem Motto „Europa bittet zu Tisch“ bauten fünfzehn Ziegelhäuser Gastwirte, Bäcker und Metzger entlang der Kleingemünder Straße eine 280 Meter lange Reihe von Biertischen und Bänken auf und kredenzten neben Schweinshaxen, Schupfnudeln und Schwarzwälder Schinken auch gesamteuropäische Leckereien wie Paella und Gyros. Was das mit der Europawahl am 18. Juni zu tun haben sollte, war vielen Besuchern allerdings unklar: denn bis auf die bunten Fähnchen und Wimpel der Parteien wirkte das Ganze wie eine Neuauflage des traditionellen Kirchenweihfestes, der „Ziegelheiser Straßenkerwe“.

„Europa geht auch durch den Magen“, betonte Bernhard Stadler von den Christdemokraten. Gerade nach einer kräftigenden Mahlzeit böte sich Gelegenheit zu politischem Gespräch: „Wir haben mit unserer Aktion Herz und Verstand angesprochen.“ Die Grünen waren skeptischer: „Aber immerhin können wir bei dieser Gelegenheit einige Flugblätter unter die Leute bringen“, meinte Anette Scharpegge.

Bei den baden-württembergischen Kommunalwahlen im Herbst werden die Parteien wieder getrennt werben. Aber auch dann, da ist man sich von schwarz bis grün, von rot bis blau-gelb einig, will man pfleglich miteinander umgehen: „Bei den Vorbereitungen und gemeinsamen Sitzungen für die Europatage haben wir uns so gut kennengelernt und miteinander gearbeitet, das kann nach der Europawahl nicht einfach vorbei sein“, heißt es übereinstimmend. Eberhard Reuß