Theaterabend. Die Karten sind abgeholt, die tropfnassen Mäntel in die Garderobe gegeben. Da bleibt noch Zeit für einen Kaffee – und für einen Blick in das Programmheft. Natürlich weiß ich, welches Stück ich sehen werde, aber wovon handelt es gleich nochmal?

So frage ich auch dann noch, als ich das Programmheft längst in Händen halte. In beiden wohlgemerkt, denn das Heft ist ein Foliant von spürbarem Gewicht. Ein Programmheft soll mir den Zugang zum Stück erleichtern – zu welchem Stück? Das ist eben nicht ohne weiteres erkennbar. Ich entnehme aber den Aufsätzen, wer die Zeitgenossen des Dichters waren, wie garstig er zu Frau und Kindern war, welche Anekdoten man sich von seiner Heimatstadt erzählte, was der ersten Werkausgabe im Weg gestanden hat, wie sich die Kritiker vor 150 Jahren äußerten.

Nach dieser Einführung beginnt die freie Assoziation zum Stückinhalt: Kupferstiche von Pflanzen und Maschinen, griechische Zitate, Photos historischer Persönlichkeiten, und im Anhang: Probenskizzen aus der Hand des Regisseurs. Die Verbindung zum Stück liegt noch im dunkeln.

Da meldet sich eine innere Stimme: „Den Inhalt nachzubeten ist auch nicht die Aufgabe eines Programmhefts. Das Handlungsgerüst kann jeder selbst nachlesen.“ Sicher, wenn man’s nicht vergessen hat, wenn man nicht zu faul gewesen ist und wenn man einen aktuellen Schauspielführer besitzt.

Die letzte Rettung: die Besetzungsliste. Aus den aufgeführten Rollen lassen sich wenigstens ungefähre Rückschlüsse ziehen auf Genre, Ort und Zeit der Handlung. Ein „Fräulein Rosi“ gehört nicht nach Sparta, ein „Papst Innozenz“ kaum in das Ehepsychogramm. Leider ist die Besetzungsliste jener lose Zettel aus der Heftmitte gewesen, den ich herausgenommen und wohl für immer weggelegt habe.

Natürlich, hinterher, wenn ich alles gesehen habe, wenn der eine oder andere Satz noch nachklingt, dann läßt sich auch über den Sinn des einen oder anderen Beitrages aus dem Programmheft spekulieren: Die Autoren haben sich also doch etwas dabei gedacht. Und plötzlich fühle ich mich belehrt und bereichert und fast ein wenig geweiht, und gekostet hat es ja auch einiges.

Ganz hinterhältig ist das andere Extrem: Wenn ein Programmheft sich als Original-Textbuch erweist. Soviel Inhalt, wie ich mir nur wünschen kann – und das vier Minuten, bevor der Vorhang sich öffnet. Aber vergebens suche ich nach einem knappen Hinweis darauf, worum es eigentlich gleich geht. Beata Berta