Sie war eine hellwache Vermittlerin. Sie war auf vielen Gebieten eine Expertin für russische, amerikanische und deutsche Kultur, sie, die am 31. Mai im Alter von siebzig Jahren in Köln gestorben ist: Raissa Orlowa-Kopelew. Sie war Journalistin, Übersetzerin, Buchautorin, Dozentin für Literatur in Tallinn (Reval) und in Moskau und einige Jahre Mitglied der Redaktion der Zeitschrift Inostrannaja Literatura (Ausländische Literatur). Und sie war Bürgerrechtlerin.

Zu dieser vielseitigen Aktivität war sie nicht zuletzt prädestiniert durch ein kosmopolitisches „Weltempfinden“. Sie war früher, wie ihr Mann Lew Kopelew, Mitglied der kommunistischen Partei gewesen, war aber im Jahre 1980 aus der Partei ausgetreten. Im selben Jahre reisten beide nach Deutschland, zunächst zu ihrem Freunde Heinrich Böll. Sie hatten die Absicht, in ihre Moskauer Heimat unbedingt zurückzukehren. Aber ihnen wurde bald darauf die sowjetische Staatsbürgerschaft entzogen. Es wird glaubwürdig berichtet, Raissa Orlowa habe, als die Hiobsbotschaft eintraf, drei Tage lang geweint. Kinder und Enkelkinder waren in der sowjetischen Hauptstadt zurückgeblieben.

Der naheliegenden Gefahr, Lew Kopelew etwa zu imitieren, ist sie nicht erlegen, sie hat ihr scharfes geistiges Profil bewahrt. Bei den Auseinandersetzungen zwischen ihr und ihm dominierten Zuspruch und Widerspruch im schöpferischen Wechsel. Sie hat schöne Bucher geschrieben, Bucher, die von keinerlei Losungen und Parolen dirigiert sind, schon gar nicht von tagespolitischen, sondern von tiefer Überzeugung und ethischen Normen: „Die Türen öffnen sich langsam“ und „Eine Vergangenheit, die nicht vergeht“ werden vor allem immer wieder genannt.

Ihr Moskauer Heim, lange in der Straße „Krassnoarmejskaja“ (Rote Armee), ist unter anderem durch zwei völlig entgegengesetzte Aperçus charakterisiert worden. Der vortreffliche Korrespondent Klaus Bednarz meint, Raissas Küche sei „die geistige Drehscheibe Moskaus“ gewesen. Auf der anderen Seite wurde die Wohnung der Kopelews einmal in einem Artikel der Sowjetskaja Rossija (Sowjetrußland) als „Nest des Feindes“ bezeichnet. Sehr richtig. Das Nest war allem Ungeistigen, Stupid-Konventionellen und Karrieristischen äußerst feindlich gesinnt. Der schnöde Artikel wurde im Jahre 1980, das heißt vor der Ära Gorbatschow, geschrieben.

Im April dieses Jahres haben die Kopelews endlich gemeinsam Moskau wieder besuchen dürfen. Es muß eine strapaziöse Wiedersehensfreude gewesen sein. Er, der Germanist, der schon als Kind Deutsch sprach, hat sich an das bundesrepublikanische Leben ungehemmter gewöhnen können. Sie, die die deutsche Sprache erst in den letzten Jahren erlernte, hat es weit schwerer gehabt. In dem Buch „Wir lebten in Moskau“, das Raissa Orlowa und Lew Kopelew gemeinsam schrieben, hat die exilierte Autorin mit ergreifender Ehrlichkeit und Schlichtheit beschrieben, wie sie den Unterschied zwischen Köln und Moskau, der Stadt ihrer Geburt, empfand: „Ich lebe sowohl hier wie dort: in dieser immer noch fremden, für mich sehr gastlichen Welt, die aber immer noch nicht die meinige ist, und in jener anderen, die für alle Zeiten meine Welt bleibt.“ René Drommert