Von Dieter Buhl

Ruhrgebiet, im Juni

Zu Beginn der Veranstaltung herrscht ungeteiltes Interesse, richten sich die Blicke erwartungsvoll auf den Vorstandstisch. Der laue Sommerabend stimmt wohlwollend, das Bier auf den Tischen ist gut gekühlt, und das nahende Wochenende ermuntert zum behaglichen Zurücklehnen. Im Heim der Arbeiterwohlfahrt, wo sich der Hang des Reviers zu sozialer Geborgenheit auf rührende Weise widerspiegelt, lauschen rund einhundert Frauen und Männer dem Bericht aus einer anderen Welt. Erfolgsmeldungen gehen auf sie nieder, Ermutigungen erreichen sie, verheißungsvolle Perspektiven zeichnen sich vor ihnen ab. Ganz offenkundig ist es ein lohnender Pfad, auf den der Redner sein Publikum locken will. Die Organisatoren haben ihm zusätzliche Attraktivität mit dem Wegweiser für den Abend besehen: „Von Hombruch nach Europa“.

Noch bevor der Hauptakteur sich dem Ende der europäischen Strecke nähert, beginnt jedoch die Aufmerksamkeit im Saale zu schwinden. Einige Hausfrauen vertiefen sich in Geplauder, das mit Sicherheit nicht dem Thema der Veranstaltung gilt. Manche Männer blicken versonnen in die Runde, und sie haben statt der europäischen Fernziele gewiß näherliegende Attraktionen wie ihren Schrebergarten oder die Kneipe um die Ecke vor ihrem geistigen Auge. Unverdrossen aber fährt der Europaabgeordnete Hans Peters fort, seine politischen Vorstellungen zu erläutern. Präzise wägt er das Für und Wider der europäischen Einigung. Mit Nachdruck weist er schließlich darauf hin, warum die Wahl am 18. Juni so wichtig ist.

So wie Peters sind in diesen letzten Tagen vor dem Wahlgang viele Politiker in schwieriger Mission unterwegs. Meist sind es Überzeugungstäter, die Kandidaten für das Parlament in Straßburg, aber auch Bundestagsabgeordnete, die für mehr Interesse an Europa kämpfen. Die Prominenz aus allen Parteien hingegen scheut geflissentlich die missionarischen Mühen. Sie engagiert sich bloß verhalten, denn aus dem europäischen Thema sind keine Funken zu schlagen. Schon die Begriffswelt der Europäischen Gemeinschaft schreckt ab. Wenn es um Grenzausgleich und Abschöpfungen, um Richtlinien und Verordnungen geht, beginnt nicht nur in Hombruch die Phantasie des Publikums schnell abzuschweifen.

Als schwerstverkäufliches Objekt erweist sich stets das Europäische Parlament. Das weithin unbekannte Straßburger Wesen ist ein sperriges Sujet, und die Parteizentralen gewähren den Euro-Werbern nur wenig Hilfe bei ihrer Aufklärungskampagne. Mag die Union auch suggerieren, daß es am Wahltag rechten und linken Radikalen zu wehren gelte, mögen die Grünen ein Regenbogen-Europa plakatieren und die Sozialdemokraten darauf setzen, selbst die Flüsse würden SPD wählen – viele Stimmbürger wissen noch immer nicht, warum sie wählen und wem sie ihr Votum geben sollen. „Was machen die eigentlich in Straßburg?“ heißt deshalb die oft und meist mit Ungeduld gestellte Frage. Wie schwer sie zu beantworten ist, muß auch der Europaparlamentarier Otmar Franz erfahren. Als er auf einer Wahlversammlung im Essener Vorort Kettwig versucht, die Ehre der Straßburger zu retten, als er den Einfluß, die Kompetenz und den Einsatz des hohen europäischen Hauses rühmt, zeigt sich sein großbürgerliches Publikum ungerührt.

Wo Fakten und Daten keinen Eindruck schinden, soll der Appell an das Gefühl weiterhelfen. „Wir haben im Parlament noch einige Kollegen“, hebt Franz das Thema in geschichtliche Höhen, „die haben im Krieg aufeinander geschossen.“ Die Zuhörer in dem gemütlichen Kettwiger Ausflugslokal beginnen das Palais d’Europe im fernen Straßburg zumindest als Ort der Vergangenheitsbewältigung zu akzeptieren. Der Hinweis auf das einzige Gremium in der Welt, „in dem Abgeordnete aus zwölf Ländern so unabhängig entscheiden können“, findet ebenfalls Resonanz. Allerdings hält sie nicht lange vor. Schon bald klingt der Spottspruch „Hast du einen Opa, schick ihn nach Europa“ durch den Saal, und Franz muß mit neuer Verve eine Lanze für die Arbeit seines Parlamentes brechen.