Man mag darüber streiten, wem die Krone gebührt, das berüchtigte Süd-Nord-Gefälle in die politische Diskussion gebracht zu haben. Niemand jedoch hat seine Visionen dazu so kraft- und eindrucksvoll formuliert, wie der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Björn Engholm. Das kann jeder in dem Programm „Arbeit und Umwelt“ der Kieler Landesregierung nachlesen.

Ziel aller direkten und indirekten Förderung der Landesregierung sei es, „Schleswig-Holstein zu einem attraktiven Wirtschaftsstandort in Europa zu machen“, heißt es etwa darin, „und Arbeit für möglichst alle zu schaffen“. Schleswig-Holstein müsse ökonomisch und ökologisch erneuert werden. Von den Unternehmen verlange diese gewaltige Herausforderung „hohe innovatorische Leistungen“, Arbeitnehmer müßten mehr für ihre berufliche Qualifikation tun, und schließlich müsse auch die Wirtschaftspolitik zukunftsweisende Wege öffnen.

Sogar das Geld, sonst meist ein unüberwindbares Hindernis für tatendurstige Politiker, scheint dafür nicht zu fehlen. Denn zum Ausgleich der unterschiedlichen Wirtschaftskraft zwischen den Ländern verabschiedete der Deutsche Bundestag Ende vorigen Jahres das sogenannte Strukturhilfegesetz. Milliarden sollen in den nächsten zehn Jahren in die Armenhäuser der Nation fließen, um dort „die Wirtschaftsstruktur zu entkalken“ und „neue Arbeitsplätze für die Zukunft zu bauen“.

Doch die Visionen landesvaterlicher Politiker sind das eine, der beklagenswerte Mangel an Phantasie des Fußvolkes das andere. Engholm jedenfalls mußte in den vergangenen Monaten eine Erfahrung machen, die Helmut Kohl einst in unnachahmlicher Weise prägnant beschrieb: Wirklichkeit und Realitat, behauptete der Kanzler, klafften so manches Mal auseinander. Bei Engholm ist es nur genau umgekehrt!

Da möchte ein weitblickender Mann sein Land vorantreiben, doch was macht die Basis? Nicht High-Tech, nicht kühne Zukunftsprojekte gehen ihr durch den Kopf, sondern ganz profane Dinge.

Ein Burgermeister auf dem platten Land möchte dank des Millionensegens aus Kiel endlich das sieche Kanalnetz in seiner Gemeinde reparieren lassen. Ein anderer sieht sich schon freudig die lange geplante Festwiese einweihen, und wieder ein anderer hofft, nun die kranken Ulmen an der Dorfstraße fallen und junge Bäume pflanzen zu können.

Auch so manches Landratsamt ist inzwischen arg in die Jahre gekommen und braucht dringend Pinsel und Farbe, glaubt man der stattlichen Projektliste zum Programm „Arbeit und Umwelt“. Hier und dort fehlt auch seit langem ein Radweg, der nun gebaut werden könnte.