Die Ästhetisierung des Krieges

Von Elmar Stolpe

Wie doch die Herzen der Dichter sogleich in Flammen standen, als jetzt Krieg wurde!“ schrieb Thomas Mann im November 1914. Warum gerade die Dichter? Warum sind gerade sie es, die den Krieg ersehnt haben und ihn nun mit „tief aufquellendem Jauchzen“ begrüßen? Der Grund, so Thomas Mann, liege in der inneren Verwandtschaft zwischen Kunst und Krieg. Soldat und Künstler: Sie beide lebten außerhalb einer Welt bürgerlicher Sicherheit, bewährten sich in der Gewöhnung an ein gefährdetes Leben, in moralischem Radikalismus und in der Hingebung bis aufs äußerste. Und dieser schönen Haltung, dem deutschen Militarismus als formgewordener deutscher Moralität, stehe das „deutscheste Wort“, das Wort „Dienst“, am besten zu Gesicht.

Der Hinweis auf die nationale Eigenart ist einerseits berechtigt: Die Apologie des Krieges als eines Instruments der moralischen Erneuerung, der Reinigung von Korruption und Zersetzung, entstammt vornehmlich preußischer Tradition. Aber es schwingen auch Vorstellungen mit, die gerade die französische Romantik gepflegt hat.

Dort wurden die Akzente anders gesetzt; aber die innere Verwandtschaft zwischen dem Dichter und dem Soldaten, die analogen Beziehungen zwischen der Kunst und dem Krieg entwickelten sich seit der Französischen Revolution und der napoleonischen Ära zu einem Leitmotiv der künstlerisch-literarischen wie auch der militärischen Gespräche. Individuelle Kriegserfahrung wird über lange Zeiträume und über nationale Grenzen hinweg in kollektive Deutungsmuster umgesetzt. Diese Deutungsmuster werden in krisenhaften Momenten wiederbelebt und bereiten der Annahme eines neuen Krieges den Boden. Das zeigt sich an dem befremdlichen Enthusiasmus deutscher Geistesschaffender im August 1914, an dieser merkwürdigen Empfindung von gesteigertem Leben.

Ein Jahr zuvor, 1913, hatte Frankreich den fünfzigsten Todestag eines Dichters und Soldaten, Alfred de Vignys, feierlich begangen. Für Vigny verkörperten beide Berufsstände das Höchste und das Schönste: Inspiration und Hingebung. Um so mehr beklagte er die gesellschaftliche Entfremdung und das Pariadasein der beiden Berufe.

Als Leutnant der Garde König Ludwigs XVIII. zu dreizehn Jahren kriegerischer Abstinenz verurteilt, beschrieb de Vigny die Not derer, die ihren Drang, sich mit Leib und Seele zu verschenken, nicht leben, ihre Kunst, „wohl zu leiden und wohl zu sterben“, nicht betätigen durften. „Der Kampf“, sagt er, „ist das Leben des Heeres. Wo er beginnt, wird der Traum Wirklichkeit, wird die Wissenschaft Ruhm und die Knechtschaft Dienst. Der Krieg mit seinem Leuchten tröstet über die unerhörte Not hinweg, die der Starrschlaf des Friedens über die Sklaven des Heeres verhängt.“