ZEIT: Herr Pozsgay, ein ungarischer Staatsminister und Mitglied des Politbüros der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei (USAP) gibt Radio Free Europe ein Interview und erklärt darin den Kommunismus für unreformierbar. Was geht in Ungarn vor sich?

Pozsgay: In Ungarn geht eine Reform vor sich, eine radikale Wende, ein vollständiger Modellwechsel. In dem genannten Interview habe ich davon gesprochen, daß der von Stalin zustande gebrachte Kommunismus unreformierbar ist. Es ist eine Gesellschaft, in der es keine Motivation zu wirklichen Taten und zur Leistung gibt, in der die Rentabilität des Kapitals sich verlangsamt und in der es keine Kooperation und ‚keine Solidarität zwischen den Menschen gibt, sondern all das ersetzt wird durch eine bürokratische Koordination. Dieser Staatssozialismus ist nicht reformierbar. Er hat keine Reserven mehr. Das habe ich in meinem Interview gemeint.

ZEIT: Das alte Modell ist der Stalinismus. Wie soll das neue Modell aussehen?

Pozsgay: Wir müssen heraus aus der Sackgasse, zurück zu den Ausgangspunkten. Als Ziel sollten wir uns einen demokratischen Sozialismus setzen, dabei aber die Institutionen der europäischen politischen Kultur und die westlichen politischen Techniken anwenden.

ZEIT: Ist „demokratischer Sozialismus“ gleich Sozialdemokratie?

Pozsgay: Wenn wir die Wertordnung der Sozialdemokratie betrachten und die europäische Zivilisation, dann verstehe ich auch die Sozialdemokratie darunter. Nach meinen Begriffen ist demokratischer Sozialismus aber zunächst einmal eine Verneinung: die Verneinung jenes überheblichen Sendungsbewußtseins, das die kommunistischen Parteien lange gekennzeichnet hat, mit dem die Partei eine eigenartige pädagogische Funktion ausgeübt und das Volk lediglich als Gegenstand der Erziehung betrachtet hat. Die Herrschaftsform sieht dann nämlich so aus, daß eine jakobinische intellektuelle Elite die ganze Gesellschaft von oben lenkt. Daß das nicht lange intellektuell bleibt, hat das Beispiel Stalins gezeigt.

ZEIT: Das alte Modell war einerseits Diktatur des Proletariats und andererseits zentrale Planwirtschaft. Das neue Modell heißt nun Pluralismus und Markt?