Sehr geehrter Herr Bundespräsident, da ich keinen anderen Weg erkenne, meinen in Ihrer Republik auf unabsehbare Zeit verbotenen Film „Das Gespenst“ in die Freiheit zu entlassen, bitte ich um Gnade für diesen harmlosen Film. Mich der Verletzung religiöser Gefühle zu zeihen, ist nur über eine grandiose Verwechslung möglich: ich bin nicht in das Gewand von Jesus Christus geschlüpft, um ihn zu verletzen, sondern um meinen eigenen Egoismus anzuprangern. Da mir gegenüber niemand religiöse Gefühle haben darf, ist ein Verbot des Films wegen verletzter religiöser Gefühle nicht nur absurd, sondern das Verbot verletzt religiöse Gefühle. Ich darf Sie darauf hinweisen, daß der Film nach Aufhebung seines Verbots in Österreich kaum gespielt werden dürfte, da der Anklang meiner übrigen Arbeiten in Ihrem Land gleich Null ist. Mit freundlichen Grüßen der bedrückte, sich wenig erhoffende Herbert Achternbusch.

Ein Brief an den Bundespräsidenten der Republik Österreich, Kurt Waldheim

Sehr geehrter Herr Achternbusch! Der Herr Bundespräsident hat Ihr Schreiben, in dem Sie ihn bitten, „den verbotenen Film ‚Das Gespenst‘ in die Freiheit zu entlassen“, erhalten und mich als zuständigen Referenten beauftragt, Ihnen zu antworten. Die Entscheidung des Landesgerichtes für Strafsachen Graz vom 18. 11. 1983, bestätigt mit Beschluß des Oberlandesgerichtes Graz vom 12. 12. 1983, unterliegt aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht dem Gnadenrecht des Bundespräsidenten. Der Herr Bundespräsident hat daher keine Möglichkeit, in Ihrem Sinne tätig zu werden. Mit den besten Grüßen Ministerialrat Mag. Gerwig Brandtner

Eine Antwort aus der österreichischen Präsidentschaftskanzlei

Berlin preist

Das war’s dann also: ein Treffen seriöser Literaturherren im Alter von Anfang fünfzig bis Mitte sechzig – der jüngste Geladene, Herbert Achternbusch, Jahrgang 1938, der schon einen Text nach Berlin vorausgeschickt hatte, erschien nicht. So konkurrierten am Ende nur neun ehrwürdige deutsche Schriftsteller aus West und Ost um den neuen „Berliner Preis für deutschsprachige Literatur“ – vor neun deutschen Juroren aus Ost und West. 3000 Mark hatte jeder der Sänger als Antrittsgeld schon in der Tasche, bevor es richtig losging, einer, der Sieger, hatte noch mit 47 000 Mark zusätzlich zu rechnen. Nein, kein Schlachtfest. Nein, kein Spektakel. Zu sehr hatte die Jury sich vorgenommen, nirgendwo anzuecken, untereinander nicht, und schon gar nicht bei den vortragenden Gästen. Lieber näherte man sich, Kleist abwandelnd, „auf den Knien meines Leserherzens“ (Sibylle Cramer) den Texten. Und so sah sich die Schriftstellerrunde genötigt, bisweilen untereinander selbst ein wenig Tacheles zu reden. Sonst war alles brav – und brav, kein Schamgefühl oder sonstwas verletzend, waren auch die Texte, Lyrik und Prosa, im Ausschnitt oder komplett, aus dem Manuskript oder schon publiziert: Gediegenes und Geschmackvolles, Bekanntes und Variiertes von Jürgen Becker und Rolf Haufs, Günter Herburger und Christian Geissler, von den DDR-Gästen Volker Braun, Fritz Rudolf Fries, Wulf Kirsten und Heinz Knobloch; der wackere Peter Rühmkorf, trotz Bandscheibenoperation angereist, brachte mit einem neuen „Selbst“-Gedicht die wenigen Zuhörer immerhin zum Lachen (ganz auf Öffentlichkeit wollte man nicht verzichten, nachdem man das Fernsehen schon ausgesperrt hatte). Den Preis bekam Volker Braun.

Seriously crazy

Schuldt, jener Schriftsteller, der seinen Vornamen gegen viele Pseudonyme eingetauscht hat, dessen experimentelle Spielfreude man spätestens seit jenen „Textkörpern“ verfolgen konnte, die er auf Walzen, Zylinder oder Glasröhren applizierte, oder – kurz darauf – in seinen „Akronym“ getauften Wortspielen: der hat sich nun etwas Neues einfallen lassen. Der in Hamburg und New York Lebende hat – sein „Oscar“ ist eine Plastik von Claes Oldenburg und heißt „Zungenwolke“ – einen Preis für „seriously crazy literature“ gestiftet, der Anfang Mai an den Übersetzer Paul Schmidt für seine amerikanische Version des Werks von Chlebnikov verliehen wurde. Und weil Schuldt, dessen schön-verwirrende Bücher (wie „Mamelucken antworten“ oder „Leben und Sterben in China“) berühmt, aber viel zu wenig gelesen sind, uns allen gerne eine Nase dreht, hat er für den Preis im Zeitalter der stupsnäsigen „Miss Sowjetunion“ auch einen zumindest post-marxistischen Titel gefunden; für eine Arbeit echter Sprachschöpfung und neuer Wortsetzerei gibt es nun diese jährliche Krönung „Miss Translation“. Bewerbungen dankend verbeten.