ARD, Montag, 22. und 19. Mai und 5. Juni: "Chicita"

Nachdem Margarethe Schreinemakers für ihre "Chicita" von der übrigen Presse die verdiente Prügel bereits bezogen hat, bleibt mir Muße für ein bißchen was Grundsätzliches. Warum mißglückt den Fernsehanstalten gerade die Satire ein ums andre Mal? Der Reinfall mit "Chicita" zeigt erneut, daß Elementarregeln nicht beherzigt, ja nicht mal zur Kenntnis gerommen werden. Hier sind sie, zum Ausschneiden:

Erste Regel: Vorsicht vor Scherzkeksen, Quasselstrippen und Stimmungskanonen. Wer eine Senderkantine zu Lachstürmen hinreißt und notorisch im Studio für Laune sorgt, sollte niemals ein Satire-Magazin gestalten. Komische Talente sind überwiegend mürrisch, melancholisch oder wenigstens schüchtern. Das hört sich widersprüchlich an und ist es auch. Aber so funktioniert die Welt und vor allem der komische Effekt

Zweite Regel: Satire lebt von Aggressivität und Genauigkeit. Der Mangel an ersterer ließ die dusselige "Frau Dr. Cora" scheitern, der Mangel an letzterer ist mit schuld am "Chicita"-Flop. Beweise?

Im Untertitel versprach die Sendung ein "Magazin der neuen Weiblichkeit". Was heißt das? "Neue Weiblichkeit" nannte sich zu Beginn der achtziger Jahre eine sogenannte Zeitgeistströmung, die den herben Utopien der Frauenbewegung eine Subversion von Lidschatten und Seidenstrumpf entgegensetzen wollte. Ein satirisches Magazin der "neuen Weiblichkeit" könnte sich mithin als Einspruch gleichsam des Netzstrumpfes gegen die Frauenrechtlerei verstehen, und Frau Schreinemakers’ outfit, ein Minirock ohne Gehschlitz, der sie zum Trippeln zwingt, ihre affektierte Intonation, die kieksend und schnurrend die Schmerzgrenze passiert, sie lassen in der Tat auf eine solche konservative Perspektive schließen.

Dann aber wieder führt die Dame den Namen "Germaine von Schlottmann-Herrkempel", was ja wohl eine Karikatur der Emanzen-Doppelnamen sein soll, und interviewt hochmotiviert kämpferische "Schwestern" vom Bund und von der "weiblichen Voyeur-Wehr". Hier ist der Blickwinkel plötzlich feministisch-selbstironisch. Auch der gebieterische Gestus, mit dem die Moderatorin sich in Szene setzt, weist sie als eine Parodie auf die Power-Frau und gerade nicht auf das "neue" Weibchen aus. Wie bitte, das sei Haarspalterei, Hauptsache, die Gags zündeten und die Margarethe hielte das Studiopublikum fest an der Leine? O, hast du ’ne Ahnung, liebes Radio Bremen! Satire ist Haarspalterei oder Unfug. Sie ist ein Show-Kampf, bei dem die Fronten gar nicht klar genug sein können. Frau Schreinemakers hat das Haar nicht nur nicht gespalten, sondern versäumt, es ins Visier zu nehmen. Statt dessen hackte sie wahllos auf einem ganzen Büschel herum und spielte Öko-Weibsen gegen Mode-Schicksen, Sex-Beraterinnen gegen militante Emanzen, müde Mamis gegen wüste Freier und sich selbst gegen einen Ulk-Zulieferer (Matthias Beltz) aus, von dem völlig unerfindlich blieb, was der da sollte.

Dritte Regel: Nichts ist so anspruchsvoll wie die Satire. Sie muß ihren Gegenstand genauso gut kennen wie die Reportage oder das Feature und obendrein die Präzisionsarbeit des Pointenschmiedens leisten. Merke: Je kürzer die Zeit zwischen Pointe und Lacher, desto länger gewöhnlich die Arbeit am komischen Werk. Es geht nicht mit links.

Barbara Sichtermann