Da kann einer viel schreiben in Deutschland, wenn der „große“ Roman nicht darunter ist, bleibt er ewig der „Meister der kleinen Form“. Wolfdietrich Schnurre hat auch dieses Mißverständnis mit dem ihm eigenen sarkastischen Humor ertragen.

Daß einer, der erst nach dem Krieg ein Leben als Schriftsteller beginnen konnte, in vier Jahrzehnten rund 150 Werke geschrieben hat, zählt wenig in einem Land, das erschüttert sein will durch ein Großwerk. Als ob das nichts wäre, wenn ein Dichter jungen und ganz jungen Lesern den Reichtum der deutschen Sprache – und das Paradies der Poesie – eröffnet mit solchen Reimen: „Mit Anna, da kanna“ – und das Klangspiel steigert zu der kühnen Formel: „Mit Anna, da kanna da ja dann / auch nach Kanada.“

Da runzelt sich die deutsche Kritiker-Stirn. Das ist doch keine Dichtung. Das ist ja bloß Humor. Der am 22. August 1920 in Frankfurt geborene Sohn eines wanderseligen Bibliothekars war alles andere als ein Humorist. Der Verfasser von Gedichten und Erzählungen, von Kinderbüchern und Kurzromanen, von Fernseh- und Hörspielen war ein schwerer Melancholiker. Der langsam weiß werdende Schnurrbart hat die Trauer der dunklen Augen im schmalen Gesicht nicht etwa verstärkt, sondern aufgelöst in skeptische Heiterkeit.

Der Mann mit dem witzigen Namen, den er für den Titel eines seiner klugen Kinderbücher ausgeschlachtet hat – „Schnurren und Murren“ – war ein leiser Kämpfer. Eine Streitschrift war sein erstes Buch: „Rettung des deutschen Films“ (1950). Danach gibt es Titel, die man beim bloßen Hören sofort Schnurre zuschreiben konnte: „Funke im Reisig“, „Schreibtisch unter freiem Himmel“, „Spreezimmer möbliert“. Der gebürtige Frankfurter wurde ein echter Berliner: „Det is et ja, wat Berlin ausmacht: de Trauer... Aber et is ja keene Trauer zum Heulen; et is ’ne Trauer zum Jernhaben.“

Und so einer soll Soldat werden? Der Krieg hat diesen Mann bis in die Träume verfolgt. Wegen „Defätismus“, weil er bei all seiner Jugend klug genug war, am militärischen Sieg der Hitlerarmee über die ganze Welt zu zweifeln, mußte er die letzten Kriegsjahre in einer „Strafkompanie“ Dienst leisten. Er hat das große Morden überlebt, als ewig kränkelnder Mann, der fortan besessen war von Bildern der Gefangenschaft. „Kassiber“, „Klopfzeichen“: So nannte er Texte, die er aus seiner Einsamkeit in die Welt schickte. Das Erschrecken über die Welt und die Menschen, die das Leben versauen, versteckte er hinter skurriler Verspieltheit, grotesken Späßen, aggressivem Witz. Er war einer der siebzehn Autoren, die am 10. September 1947 die Gruppe 47 ins Leben riefen – und er war der erste Autor, der in der Gruppe las. „Das Begräbnis“ hieß die Erzählung, die vom Tod „eines gewissen Klott oder Gott“ handelt.

„Dreimal auf die Welt gekommen“, nannte Schnurre ein „Selbstporträt“: die Geburt 1920, der Umzug nach Berlin 1928, die Befreiung 1945. „Nachts begann ich zu schreiben ... Es war mehr ein Beschwören. All das Elend, das Grauen, die Toten – : das ließ einen nicht los...“

Von „vier Probetoden“ sprach Schnurre in der Rede zur Verleihung des Büchnerpreises (1983): „Ich kann mich an den Probetod im Sauerstoffzelt und an drei soldatische in Rußland erinnern.“ Nun ist er den letzten Tod gestorben, am 9. Juni, 68 Jahre alt, zehn Tage, ehe ihm der Kieler Kulturpreis hätte verliehen werden sollen.