Nienwohld liegt in einer der beiden schönsten deutschen Landschaften (die andere kann sich jeder nach seinem Gusto aussuchen). Die Kennzeichnung der Lage des Dorfes zwischen Sülfeld und Bargfeld-Stegen wird nur einigen wenigen Spezialisten der norddeutschen Wirtschaftsgeschichte weiterhelfen: In Sülfeld gibt es noch Reste eines Kanals, der im frühen 16. Jahrhundert (über Alster, Beste und Trave) den Handelsaustausch zwischen den Hansestädten Hamburg und Lübeck befördern sollte. Doch die großartig geplante Wasserstraße funktionierte nur dürftig und wurde nach kaum zwanzig Jahren schon wieder aus dem Verkehr gezogen. Das Nienwohlder Moor nämlich gab nicht genügend Wasser her, um die Scheitelstrecke des Kanals zu speisen, wie es die Planer erwartet hatten.

Man sieht: Das Scheitern technischer Großprojekte durch mangelhafte Voraussicht hat seine Geschichte und Wackersdorf keinen Anspruch auf Exklusivität und Urheberrecht.

Sollten die Einwohner von Nienwohld aus der Geschichte gelernt haben? Solche fröhlich stimmenden Gedanken teilen sich dem Autofahrer, der das Bauerndorf durchfährt, sozusagen von Grund auf mit. Denn zwischen Sülfeld und Bargfeld-Stegen wird das öde Asphaltband hier plötzlich unterbrochen durch richtiges, gutes, altes Kopfsteinpflaster. Mit dem Herunterschalten verliert sich miteins die Monotonie der glatten Langeweile, und mit dem behaglichen Daherrumpeln gewinnt die Ansiedlung Nova Silva (neuer Wald, urkundlich im Jahre 1256 erwähnt) für den motorisierten Passanten ihr unverwechselbares Gesicht. Die Straße trennt nicht mehr das Dorf zu beiden Seiten, sondern bindet sein Bild zusammen und bezieht den Fremden im zweiten Gang ein paar hundert Meter Kopfstein lang ein.

Noch lange – und längst wieder auf dem planen Asphalt – sinniert der Fremde über die Vernunft, die sich abseits jener Räume bewahrt hat, aus denen die täglichen Schreckensmeldungen des Verkehrsfunks kommen. Und er rühmt den Rat der Ältesten zu Nienwohld, der seinen Mitbürgern so vieles weislich erspart, so auch jenes Schild, das eine Perle deutscher Sprachschöpfung bedeutet: Verkehrsberuhigungszone.

Denn der Kopfstein aus alten Zeiten, die in diesem Punkte wirklich gut waren, schafft ohne Schilderei, daß der Kraftfahrer den Fuß vom Gaspedal nimmt und mit allenfalls dreißig Kilometer pro Stunde durchs angenehme Nienwohld fährt: Preisenswertes Nienwohld. Gäbe es einen Wettbewerb „Schöne Dorfstraße“, es wäre ein Pokal fällig.

Ein traumhaft schönes Erlebnis sollte wiederholt werden. Nein, es war tatsächlich kein Traum: Ortsschild Nienwohld, und schon geht es wieder rumpelpumpel wie das letzte Mal, wie schon immer. Dieses Mal aber steht in der Dorfmitte am Straßenrand eine Schülerin, winkt, möchte mit nach Bargfeld-Stegen. Aber gern, anderswohin geht es hier ja gar nicht.

Das Rumpelpumpeln gibt unterwegs die neugierige Frage an die Ortsansässige nach den Weisen im Gemeinderat ein, nach den Ursachen ihres klugen Festhaltens am Kopfstein, das zum Überrunden des Zeitgeistes geführt hat. Also: Wieso, warum? – „Ja, demnächst wird die Straße durch Nienwohld ja nun verbreitert und asphaltiert. Der Streit geht schon seit vier, fünf Jahren. Und nun ist er entschieden ...“