Von Helmut Becker

Uns bleibt gar keine andere Wahl, als in China unverändert einen wachsend wichtigen Wirtschaftspartner für die ganze Region zu sehen“, versuchte letzte Woche die halbstaatliche japanische Außenhandelsorganisation Jetro nach dem Blutbad in Peking Nippons nervöser Industrie Mut zu spenden. Auch das neue Kabinett von Sousuhe Uno in Tokio hielt sich mit der Verurteilung oder gar der Androhung von Sanktionen so sehr zurück, daß sich der Vorsitzende des mächtigen Indüstriedachverbands und Chef von Nissan Motor, Takashi Ishihara, öffentlich über „die halbherzige Haltung unserer Regierung“ empörte. Doch die Zurückhaltung war nicht auf Tokio beschränkt. Auch in den Hauptstädten der streng antikommunistischen Nachbarn Südkorea und Taiwan folgte den reichlichen Deklamationen offiziellen Abscheus keinerlei wirtschaftliche oder politische Repressalie gegen die Machthaber im Reich der Mitte.

Selbst in Hongkong, wo Guthaben bei der Bank von China aus Protest geplündert wurden, so daß Pekings Bankenapparat in der Kronkolonie in arge Liquiditätsnöte geriet, sprang die Finanzaufsicht diskret ein. „Der chinesische Bankenapparat bleibt ein integraler Teil von Hongkongs Wirtschaft“, begründete Londons lokaler Finanzsekretär den unpopulären Beistand für die roten Geldmanager.

Die Zurückhaltung hat gute Gründe. Auch ohne jede Sanktion scheint der wirtschaftliche Schaden für die gesamte Fernostregion durch Chinas Kurswechsel und den internationalen Vertrauensverlust beträchtlich zu sein. Mehr noch: Während der zehnjährigen Politik wirtschaftlicher Reform und Öffnung ist in Peking ganz allmählich das Konzept eines stärkeren regionalen Wirtschaftsaustausches gewachsen, mit dem sich China aus der wachsend unbequemen Abhängigkeit von den USA lösen wollte und das eine Antwort auf die EG-Integration sein sollte. Dieses Konzept ist auf Sicht ein Opfer der blutigen Machtkämpfe des chinesischen Führungskaders geworden.

An den Finanzmärkten Asiens war letzte Woche unschwer abzulesen, wie schnell der Traum vom Pazifischen Becken als weltwirtschaftlichem Kraftzentrum der nächsten Jahrzehnte vorsichtiger Betrachtung wich. Hongkongs Aktienbörse reagierte auf das schreckliche Wochenende in Peking mit einem Tagesverlust von 22 Prozent am schärfsten. Seit Mitte Mai hat die internationale Lieblingsbörse von einst gut ein Drittel ihres Kurswerts eingebüßt. In Taipeh und Seoul, wo Auslandskapital mangels Internationalisierung beider Börsen nicht zugelassen ist und deshalb nicht die Flucht ergreifen konnte, verging das traditionelle Haussefieber. An Tokios Supermarkt, wo die Japan AG über jeden Einbruch wacht, blieb es bei Lustlosigkeit. Dafür aber erlebte der Yen am Devisenmarkt sein Waterloo.

„Hier in Fernost wird jetzt eine ganze Reihe von Wechseln auf die mit viel Vorschußlorbeer bedachte Zukunft der Region brutal diskontiert“, kommentierte eine japanische Tageszeitung „den Verlust der Mitte in unserem Zukunftsoptimismus“. Im Klartext: Fernost hat sich bei der Rechnung verkalkuliert, daß China zum Dorado für die exportfreudigen Nationen der Nachbarschaft und damit zur integrierenden Kraft der Region avancieren könnte.

Doch es ist nicht nur die lädierte Vision einer regionalen Partnerschaft mit den beiden Schwergewichten China und Japan als einander ideal ergänzende Kraftzentren, die vorerst abgeschrieben wird. Auch im bilateralen Verhältnis stehen Wachstumsmöglichkeiten zur Disposition, an die sich die fernöstlichen Exportchampions gewöhnt hatten. Zwar spielt China im Welthandel mit knapp zwei Prozent eine untergeordnete Rolle. Für das dynamische Wirtschaftswachstum der vier kleinen Tiger und selbst für Matador Japan signalisiert jeder Rückschritt bei den chinesischen Modernisierungsplänen einen fühlbaren Verlust.