Von Claudia Pai

Großzügig kam Maggie Thatcher einer Bitte Ronald Reagans nach: Weil ihm das Land so gut gefiel, verkaufte sie ihm Großbritannien; zum Sonderpreis. – „Ich habe ihm fünfzig Prozent Rabatt gegeben“, sagte die Regierungschefin, die ängstliche Minister nur noch mit einem „Your Wonderfulness“ anreden. Die Briten lachten über den Ausverkauf ihrer Insel in der Spitting Image-Show (zu deutsch wörtlich „Spuckendes Abbild“). Seit sechs Jahren treiben süchtige Fans die Einschaltquoten der Satire-Serie hoch, in denen Gummipuppen berühmte Politiker verkörpern.

Gemessen am schwarzen Humor Englands ist die Bundesrepublik Entwicklungsland. Fast immer, wenn das deutsche Fernsehen die Satire entdeckte, ging das übel aus, für die Satire. Nun aber dürfen Zuschauer auch hier hoffen: Hurra Deutschland ist da, am 19. Juni geht’s los. Es spielen mit: Professor Brinkmann aus der Schwarzwaldklinik und Gaby Dohm, Helmut Kohl aus Bonn und Hannelore, Heiner Geißler, Papst Wojtyla, Rita Süssmuth und viele andere. Auch sie: außen Gummi, innen hohl.

Beinahe wäre der Auftritt der Prominenten an ihren Darstellern gescheitert: Das, was Fachleute als „Einarm-Klappmaul-Puppe“ bezeichnen, wollte nicht gelingen. Fast zwei Jahre lang bastelten Bildhauer, Schaumstoff-Experten, Perückenmacher und Maskenbildner an den Doppelgängern. Eine Zeit herber Rückschläge. Bis Special-Effects-Leute einen Spezialschaum entwickelten, der die Imitate haltbar macht: „Wenn es nur zwei Grad Temperaturunterschied im Raum gab, fielen die ersten Köpfe wie nichts in sich zusammen“, sagt Stefan Lichter von der Gum GmbH, die Hurra Deutschland im Auftrag des WDR produziert. „Ganz fürchterlich war auch die Gießerei der Nasen. Meistens kam nur ein Loch aus der Form.“

Probleme gab es auch mit den Augen. Schließlich bauten Techniker den Puppen feste Hirnschalen ein, damit die komplizierte Mechanik hält. Perfekt drehen nun Regierung und Opposition die Augen nach links und rechts, schließen sie von oben oder unten. Unverzichtbar war die ausgefeilte Augentechnik bei Kohl. Inzwischen kann der Gummi-Kanzler genausogut blinzeln wie das Original. Ein technisches Kabinettstück gelang bei Genscher; er kann mit den Ohren wackeln.

In einem ehemaligen Möbellager wird experimentiert und gedreht: Im ersten Stock feilen die Bildhauer an den neuen Modellen; im Erdgeschoß werden die Körper für die fertigen Köpfe gemacht. Am Garderobenständer hängen die Oberkörper von Schily (elegant), Gottschalk (flippig) und Honecker (verklemmt-spießig). Vergeblich sucht Stefan Lichter nach dem Oberkörper von Kohl: „Der hier? Kann nicht sein, die Krawatte ist zu schick, das ist bestimmt nicht Kohl.“ Den stöbert er erst im Fundus der Puppen auf, der mit Gitter und Schloß gesichert ist, „damit die keiner für den Partykeller klaut“.

Am Fundus von Hurra Deutschland könnten Politiker ihre Popularität, ein wenig auch die Stimmungslage der Republik ablesen. Boris Becker, Norbert Blüm, Richard von Weizsäcker (mit einem Heiligenschein um den Kopf) warten dort in Pappschachteln auf ihren Einsatz. Schönhuber würde anstehen, meint Lichter; nicht geplant dagegen ist Ursula Lehr: „Die ist uns im Moment noch zu blaß. Wenn sie so prominent ist, daß sich im Kopf der Leute mit ihrem Namen ein Bild verbindet, machen wir sie zur Puppe.“ Bislang sind Frauen bei Hurra Deutschland in der Minderheit – „wie im wirklichen Leben auch, was Führungspositionen angeht“ (Lichter). Vorhanden ist Rita Süssmuth, die es „schlimm für einen Politiker“ findet, karikiert zu werden, aber noch schlimmer, „nicht karikiert zu werden“.