Von Jutta Hartmann

Rain Man“ ist ein Renner – der von der Kritik so gelobte und mit vier Oscars prämiierte Film, in dessen Mittelpunkt ein Autist steht, füllt seit Wochen die Kinosäle. „Hollywood hat uns ein Geschenk gemacht“, jubelt gar der Bundesverband Hilfe für das autistische Kind und freut sich darüber, „... daß in Zukunft viele Menschen mit dem Begriff ‚Autismus‘ eine Vorstellung verbinden“. Das mag richtig sein – es fragt sich allerdings, welche Vorstellung vom Autismus die Kinobesucher mit nach Hause nehmen.

Denn Dustin Hoffman verkörpert nicht den Autisten schlechthin, sein Raymond ist in vielerlei Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung. Er kann sich sprachlich ausdrücken, auch seine Gefühle mitteilen – das kann die überwiegende Mehrheit der Autisten so nicht. Er ist im Gegensatz zu den meisten Autisten hochintelligent, verfügt auf einigen Gebieten sogar über geniale Fähigkeiten und setzt sie ein – auch das bleibt den meisten Autisten versagt. Seine Verhaltensstörungen sind relativ gering, seine Anpassungsfähigkeit ist groß, die Rolle des Raymond zeichnet ein recht mildes Erscheinungsbild vom Autismus. Die Realität sieht anders aus.

Autismus ist eine schwere Entwicklungsstörung, die in den ersten Lebensmonaten beginnt, chronisch verläuft und zu lebenslangen Behinderungen führt. Eins von zweitausend Neugeborenen entwickelt diese Störung – es gibt also ebenso viele autistische wie blind oder taub geborene Kinder. Etwa 7000 Autisten werden heute in der Bundesrepublik behandelt – hinzu kommt aber sehr wahrscheinlich eine hohe Dunkelziffer derjenigen Betroffenen, bei denen die richtige Diagnose noch nicht gestellt wurde. Lange Zeit wurde irrtümlich angenommen, frühkindlicher Autismus sei eine Form der Schizophrenie. Heute noch ist die Auffassung verbreitet, beim Autismus handele es sich um eine Variante geistiger Behinderung. Der umgekehrte Schluß trifft zu: Die geistige Behinderung kann zum autistischen Syndrom gehören, unter dem mehr als siebzig Krankheitsmerkmale zusammengefaßt werden.

Etwa zwei Drittel aller autistischen Kinder haben einen Intelligenzquotienten unter 50, gelten also als geistig behindert. Immerhin rund dreißig Prozent verfügen aber über einen IQ von mehr als 70 – bis hin zur Hochbegabung. Eine Regelschule erfolgreich zu absolvieren, bleibt aber auch für durchschnittlich begabte Autisten eher die Ausnahme. Denn die meisten haben eine Begabungsstruktur, die vom „Normalen“ völlig abweicht, und schwerwiegende Lernstörungen. Diese Lernstörungen betreffen nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern auch uns alltäglich erscheinende Fertigkeiten: daß der Verschluß einer Sprudelflasche linksrum auf- und rechtsrum zugeschraubt wird, muß ein Autist erst mühsam lernen und dann immer wieder in veränderten Situationen üben. Ein autistisches Kind, das in einer Therapie gelernt hat, sich mit rosa Seife die Hände zu waschen und sie mit einem blauen Handtuch abzutrocknen, kann völlig hilflos sein, wenn die Seife grün ist, das Handtuch rot und die Mutter statt des Therapeuten beim Waschen hilft. Autisten können einmal Erlerntes häufig nicht generalisieren, eine Fähigkeit, die ein gesundes Kind bereits im Alter von zehn bis fünfzehn Monaten erwirbt.

Auch soziale Zusammenhänge bleiben Autisten verborgen. Sie verstehen nicht, was jemand fühlt, denkt oder erwartet, wenn er etwas tut. Sie durchschauen die Regeln sozialer Interaktion nicht. Sie lernen nicht aus Erfahrung, weil sie erlebte Situationen als isolierte Vorgänge wahrnehmen und sofort wieder vergessen. Menschen ihrer Umgebung werden Autisten nicht vertraut, erscheinen ihnen bei jeder neuen Begegnung als Fremde. „Ich merk alles, was ich erlebe“, sagt zum Beispiel der 25jährige Stefan, „aber ich merk nicht, was die anderen erleben.“ Und Karsten, der trotz Autismus das Abitur machen konnte und Betriebswirtschaft studiert: „Ich weiß ungefähr, wer meine Geschwister sind, aber irgendwie sind sie mir immer noch ein bißchen fremd. Manchmal muß ich mir klarmachen – das sind meine Geschwister.“

Abitur und Studium sind für die meisten Autisten eine Utopie. Sehr häufig haben autistische Kinder schwere Sprachstörungen, können vor allem Sprache nicht als Ausdrucks- und Kommunikationsmittel nutzen. Besondere Fähigkeiten wie ein Kalendergedächtnis, absolutes Gehör oder mathematische Hochbegabung nützen ihnen im Alltagsleben wenig. Das zeigt der Film „Rain Man“ recht gut: „Er sollte für die Nasa arbeiten“, kommentiert ein verblüffter Charlie die genialen Rechenkünste seines behinderten Bruders. Der aber hat, wie sich gleich darauf zeigt, keine Ahnung, wieviel Wechselgeld er bei einem ganz alltäglichen Einkauf herausbekommen müßte, der Wert eines Geldscheins ist für Raymond nur eine bedeutungslose Zahl.