Eigentlich wollte Hilda P.* nur mit der Eisenbahn von Hamburg nach München fahren, doch es wurde ihr größtes Reiseabenteuer seit der geglückten Überquerung des Istanbuler Atatürk Bulvari zwischen vier und fünf Uhr nachmittags. Wie sollte sie auch ahnen, daß der winzige Vermerk zum 5. Juni in ihrem Taschenkalender „Tag der Umwelt“, solche Folgen haben sollte?

Jedenfalls beschloß der Vorstand der Bahn am Montag, dem 29. Mai, für den 3. und 4. Juni aus Anlaß des Tags der Umwelt ein Werbeticket für fünfzig Mark zu spendieren. Ein unerhörter Vorgang, der des Aktenvermerks bedarf, ist doch bereits der halbjährlich zu erstellende Fahrplanwechsel nur unter Aufbietung äußerster Flexibilität zu bewältigen.

Flink wurde der Wochenenddienstplan der Beamten geändert, damit ausreichend viele Kontrolleure zum Zug kamen. Dies nutzte allerdings insofern wenig, da sie, einmal drinnen, nicht mehr weiterkonnten. Denn die Wagen waren bald brechend voll, und Hilda P. fühlte sich an die Gründerjahre der Republik erinnert, obgleich sie diese nur von Photos her kennt.

Hundert Prozent Überlastung verkündete die Bahn wohl nicht ohne Stolz auf den eigenen Wagemut für manche Züge: 1200 Menschen standen, saßen, knieten, lehnten in einem Intercity, dessen Fahrdienstleiter sonst mit 600 Gästen vollauf zufrieden ist. Hilda P. war sauer. Nicht einmal unser Hinweis, daß die Bahn selten mit solch bleibenden Eindrücken zu demonstrieren wußte, daß sie umweltfreundlich, da „flächensparend“ ist, konnte sie besänftigen. Hilda P.s kategorischer Imperativ am Telephon lautete: „Nie wieder Bahn!“

Der journalistischen Ausgewogenheit zuliebe wollen wir aber auch den Rentner Ernst K.* zitieren: „Es war prima!“, und versuchen, die Ereignisse ebenfalls positiv zu sehen. Denn: Wer wollte, der konnte pralles Leben in vollen Zügen genießen.

In keinem Abteil lähmte die sonst oft sture Atmosphäre die Zungen und schuf peinlich distanziertes Miteinander. Da feierte die Kommunikation ihre Wiedergeburt, 1200 Menschen, vom Gepäcknetz bis zum Stehplatz erster Klasse, debattierten über das Umweltticket, nur unterbrochen vom lakonischen Zuruf des Zugbegleiters, der nach jedem Halt die aktualisierte Verspätung ausrief.

Wildfremde Menschen solidarisierten sich rund um eine Sprudelflasche, nachdem per Lautsprecher angesagt worden war, daß das Getränkewägelchen kurz vor der zweiten Sitzreihe des vordersten Wagens hoffnungslos verkeilt steckengeblieben sei. Gerüchte kursierten kurz darauf, daß die 37 Fahrgäste im Vorraum des Wagens durch ihre bloße Anwesenheit den entnervten Minibar-Fahrer daran gehindert hätten, aus dem Zug zu springen.