Entweder handelt es sich um einen Verfall schlechter Bonner Sitten, oder der Einfluß von Bundeskanzler Helmut Kohl tendiert wirklich gegen Null. Der von Kohl entlassene Regierungssprecher Friedhelm Ost hat nun trotz höchster Fürsprache auch den zweiten Job nicht bekommen, den man für ihn ausgeguckt hatte. Der Versuch, den im Bundespresseamt nicht mehr zu gebrauchenden Ost auf einen hohen Posten der Deutschen Siedlungs- und Landesrentenbank (DSL) festzusetzen, ist jedenfalls nicht geglückt. Auf der jüngsten Sitzung des Verwaltungsrates der zur Teilprivatisierung anstehenden Staatsbank hat es keinen Beschluß zum Thema Ost gegeben. Im Klartext heißt das: Wir wollen Ost nicht.

Schon im Vorfeld der Personalspekulation um Ost war klar gewesen, daß der ehemalige Staatssekretär vorerst keinen hohen Bank-Posten in der Bonner Zentrale bekommen würde, weil ihm dazu die nach dem Kreditwesengesetz erforderliche Eignung und Erfahrung zur Leitung einer Bank fehlt. Um dieses Hindernis zu umgehen, sollte er zunächst bei der DSL-Tochter in Luxemburg als Geschäftsführer das Bankgeschäft lernen, um dann nach einer angemessenen Schamfrist auch den deutschen Gesetzen zu genügen. Nach den Luxemburger Bankregeln kann jeder Hinz und Kunz das Geld fremder Leute verwalten. Nachdem der DSL-Verwaltungsrat Osts Berufung nun nicht beschlossen hatte, erklärte Kohls ehemaliges Sprachrohr gegenüber der FAZ, er habe „abgesagt“. Und der Welt sagte der ehemalige Regierungssprecher zu den Meldungen über sich und seine neue Karriere: „Alles Quatsch.“ Er habe es nicht eilig, schließlich sei er nicht am Verhungern. Im übrigen gebe es eine ganze Reihe von Angeboten sowohl aus der Wirtschaft wie aus dem Journalismus.

Die Bemühungen des Bundeskanzlers, seinen Ex-Sprecher bei der Deutschen Welle unterzubringen, waren gleichfalls gescheitert. Daß sich immer mehr quasi-staatliche Institutionen weigern, ihre Planstellen mit abgehalfterten Amtsinhabern aus dem Regierungsapparat besetzen zu lassen, ist für die Bundesregierung auf Dauer sehr unpraktisch. Denn Mitarbeiter, die beim Regieren viele intime Kenntnisse erwerben haben, lassen sich in der Regel nur abschieben, wenn hnen der Amtsverzicht vergolcet wird. Bleibt diese Kompensation aus, so kann das leicht Groll schaffen, der schon mal die Zunge lösen kann.

Gerade rechtzeitig scheint daher eine Idee geboren zu sein, die ausbaufähig ist. Beamte der Bundestagsverwaltung haben nämlich intensiv darüber nachgedacht, ob der Deutsche Bundestag nicht im Zuge der EG-Harmonisierung einen Europa-Beauftragten gebrauchen könnte. So ein Mann sollte mit einem entsprechenden Mitarbeiter-Stab, der aus optischen Gründen sehr klein gehalten würde, als eine Art Verbindungsmann zwischen Bonn und Brüssel fungieren und in beiden Metropolen Hof halten. Im Haushaltsausschuß des Bundestages wurde darüber noch nicht gesprochen, denkbar wäre aber, schon vom kommenden Jahr an einen derartigen Posten zu schaffen. Die bereits avisierte Summe ist – wie anfangs im Tier – bescheiden: 500 000 Mark. Es gibt auch schon einen heraussagenden Parlamentarier, der für diesen Job geradezu maßgeschneidert ist: Philipp Jenninger, bis zu seiner verunglückten Bundestagsrede über die Juden-Pogrome der Nazis im November 1988 Präsident des Hohen Hauses. Jenninger trat nach der Rede zurück, was Helmut Kohl ihm hoch angerechnet haben soll, wohl auch mit Zusage.

Mit etwas Phantasie ließe sich die Beauftragten-Idee sogar zu einer völlig neuen Großbehörde ausbauen, etwa zu einem Bundesamt für Beauftragte. Unter dem gemeinsamen Dach könnte man alle Beauftragten, die es in Bonn gibt, und das sind schon eine Menge, unterbringen. Ein Ober-Beauftragter könnte an der Spitze stehen als Präsident, dem viele Vizepräsidenten zur Seite stünden. Vorteil einer derartigen Institution wäre, daß man hier eine leicht zu vermehrende Organisationseinheit hätte, die man mit irgendwo sonst nicht mehr zu verwendenden Staatsbeamten oder Repräsentanten des Staates besetzen könnte. Man brauchte sie nur gegen ein staat- wie stattliches Entgelt mit irgendeiner Sache zu beauftragen, und schon wären die jeweiligen Personalprobleme gelöst.

Neben Ost und Jenninger gibt es mindestens noch drei weitere Bonner Politik-Größen, die auf Kohls ausdrücklichen Wunsch von ihren Ämtern lassen mußten – und in das Bundesamt integriert werden könnten –: Rupert Scholz, Ex-Verteidigungsminister, Oscar Schneider, Ex-Bauminister, und Waldemar Schreckenberger, Ex-Staatssekretär im Bundeskanzleramt. Mit diesem personellen Grundstock ließe sich bereits eine ganze Menge anfangen, zumal es auch noch eine Fülle von rüstigen Beamten gibt, die in den vorzeitigen Ruhestand geschickt wurden, aber jederzeit reaktiviert werden könnten. Wolfgang Hoffmann