Von Thomas Hanke

Die Europäische Gemeinschaft wird bald um eine Aufgabe reicher sein. In diesem Herbst soll die Förderung von Film- und Fernsehproduktionen feierlich in den Rang eines Gemeinschaftsprojektes erhoben werden, voraussichtlich unter Leitung der EG-Kommission. Eine große Konferenz in Paris, Assises de l’Audiovisuel getauft, wird Ende September offiziell feststellen, daß es schlecht steht um Europas Leinwände und Bildschirme. Eine bedrohliche Flut amerikanischer Serien, japanischer Trickfilme und brasilianischer Telenovelas gefährde die europäische kulturelle Identität. Als Abhilfe schwebt der Europäischen Gemeinschaft ein paneuropäisches Projekt zur Förderung der audiovisuellen Produktion vor – so, wie es mit Eureka bereits auf dem Gebiet der Technologie besteht. Auf zwei Gipfeltreffen hatten die EG-Regierungschefs konstatiert, es müsse etwas geschehen zur Stärkung europäischer Fernsehproduktionen – Eureka-Audiovisuell ist die Antwort.

Was das genau sein soll, weiß allerdings auch knapp vier Monate vor Beginn des großen Film- und TV-Brainstormings in Paris noch kaum einer. Jean Dondelinger, Luxemburger EG-Kommissar und zuständig für die Medienpolitik, stellt nüchtern fest: „Es gibt noch keine abschließende Definition des audiovisuellen Eureka. Man muß aufpassen, daß die Assises in Paris nicht hauptsächlich zu einem Medienereignis werden.“ Ein leitender Manager der Bertelsmann-Tochter Ufa wundert sich: „Audiovisuelles Eureka? Noch nie davon gehört. Im allgemeinen sind wir dafür, daß der Staat sich da raus hält. Mit den Amerikanern können wir alleine fertig werden.“

Andere freilich haben schon sehr genaue Vorstellungen darüber, was sie verbrämten Programm zur Schaffung wettbewerbsfähiger europäischer Medienindustrien erreichen wollen. Früher als alle übrigen hat etwa Italiens Fernsehzar Silvio Berlusconi begonnen, das Hohelied von der europäischen Kultur zu singen. Der Mann, der den Äther mit Werbung und amerikanischen Programmen vollpumpt, versteht es vortrefflich, über die Bedrohung von Europas kultureller Identität zu sinnieren und einer willensstarken Politik gegen die Amerikaner das Wort zu reden. Eureka-Audiovisuell paßt ihm und anderen gerade jetzt ins Konzept. So wie Berlusconis Fininvest beginnen die größten privaten Networks in Europa mit einer vertikalen Integration. Nachdem sie in ihrem Heimatland eine stabile Marktposition erobert und sich im Ausland in weitere Privatsender eingekauft haben, steht die Entwicklung einer eigenen Film- und Programmproduktion auf der Agenda. Die benötigten Unternehmen einzukaufen, ist angesichts der Finanzkraft der erfolgreichen Privatsender und Medienkonzerne kein Problem. In einer Studie der EG-Kommission über Europas audiovisuelle Industrien gilt es als wahrscheinlich, daß sich in einigen Jahren nur noch vier oder fünf Gruppen den gesamten Markt teilen werden. Auf dem Weg dahin verfolgen sie verschiedene Strategien:

  • der Kampf um Zuschauerzahlen, die Werbegelder garantieren. Er wird mit importierten Serien geführt, die billig sind und hohe Einschaltquoten sichern;
  • die Diversifizierung, die Printmedien oder auch branchenfremde Unternehmen dazu führt, im audiovisuellen Bereich zu investieren. In Europa stieg der Zeitungssammler Rupert Murdoch als erster ins TV-Geschäft ein, in allen europäischen Ländern kaufen sich heute Banken, Wasserwerke und Betonfirmen Fernsehsender oder Anteile an

die graduelle Anpassung der eigenen Produktion an die Nachfrage. Nachdem Sendezeiten erobert und Werbeeinnahmen gesichert wurden, geht es darum, durch verstärkten Einsatz europäischer und eigener Produktionen das Image der Sender aufzubessern, unverwechselbar zu machen und durch vertikale Integration Kostenvorteile zu erreichen.

Genau an diesem Punkt stehen heute Berlusconi, aber auch die erfolgreichen deutschen Privatsender. Das Gejammer über Coca-Cola- und Dallas-Kultur wird gezielt genutzt, um den zerfledderten, wenig schlagkräftigen europäischen Markt für Produktionen neu strukturieren und möglichst auch Subventionen lockermachen zu können.