John Lurie

Von Chemo Jobatey

Studenten haben ihn überm Küchentisch hängen, Kinogänger preisen seine Filme, Jazzmusiker ahmen ihn nach, und wenn Discjockeys ihrer tanzwütigen Kundschaft etwas wirklich Gutes tun wollen, dann legen sie eine seiner Platten auf. Es gibt viele Arten, dem New Yorker Ein-Mann-Multi-Media-Unternehmen John Lurie zu huldigen.

Das Multimediale kann es nicht allein sein, was ihn zum Kultstar gemacht hat, denn das ist nicht ungewöhnlich: Seit der Punkrevolution gibt es in der Subkultur nichts wirklich Neues mehr, alles wird nur wieder neu aufbereitet. Beim „kreativen“ Blick zurück werden dann meist mehrere Ausdrucksformen erfaßt, aufgenommen und übernommen: Das trifft zu auf den Talking Head David Byrne mit seinen Filmen, Woody Allen, der Klarinette in einer Jazzband spielt, Prince, Brian Eno bis hin zu BAP-Sänger Wolfgang Niedeggen, der mit seinen Bildern mehr als nur Achtungserfolge erzielte.

Auch John Lurie hat in eine Schublade gegriffen. Er zog den Fünfziger-Jahre-Jazz daraus hervor und mit ihm die Ästhetik des „Hipsters“, den Norman Mailer 1957 im „White Negroe“ zum erstenmal beschrieben hat. Hipsters hörten Jazz, machten Jazz, liebten Jazz, waren Jazz. Hipsters waren Schwarze, die in der Welt der Weißen überleben, erfolgreich sein und doch Schwarze bleiben wollten. Sie akzeptierten die Normen der Weißen, die sie zur Maskerade übertrieben. Sie gaben sich elegant und lässig, nichts tangierte sie. Hauptsache, sie konnten sie selbst sein und unbehelligt „ihr Ding drehen“, was es auch immer war, und dabei aufrecht bleiben.

Dieses überlegene Selbstbewußtsein faszinierte nicht nur Schwarze. Die Fitzgeralds, die Kerouacs, die Mailers, sie alle pilgerten nach Harlem, der Hipster-Hauptstadt. Irgendwann verlor der Hipster, so erkannte Mailer, seine Hautfarbe und wurde ein allgemeines Phänomen. „Hip“, so definierte Mailer, „ist die Kultur des weisen Primitiven in einem gigantischen Dschungel.“ Jugendliche in aller Welt fühlten sich davon angesprochen, diese Lebenshaltung war wie geschaffen für sie. Und so übernahm die weite „weiße“ Welt mit dem Jazz auch dessen Ideologie.

Die Rock ’n’ Roll-Revolution in den sechziger Jahren verdrängte die Hipsters, Musik und Musiker wurden laut und brachial. Die „Hippies“ versuchten immerhin, das „Dreh dein eigenes Ding!“ wieder zu beleben. Danach galt der Hipster als ausgestorben. Der Jazz war nichts weiter als ein sportliches Hochgeschwindigkeitsrennen über Saiten, Klappen, Tasten und Felle.