Von Wolfgang Zank

Am 28. September 1943 machte Dr. Werner Best, Reichsbevollmächtigter und damit höchster Repräsentant des "Dritten Reiches" in Dänemark, seinem Schiffahrtssachverständigen Georg Ferdinand Duckwitz eine schicksalsschwere Mitteilung: In der Nacht vom 1. auf den 2. Oktober sollen alle dänischen Juden arrestiert und deportiert werden. Wie Duckwitz berichtete, schloß Best seine Bemerkung mit den Worten: "Wenn ich doch nur ein Brücke über 0resund bauen könnte, um den Juden den Weg nach Schweden zu ermöglichen." Duckwitz erwiderte: "Seien Sie versichert, die Brücke wird gebaut."

Duckwitz, der über gute Verbindungen zu dänischen Politikern verfügte, begab sich in das "Versammlungshaus der Arbeiter" und teilte dem sozialdemokratischen Spitzenpolitiker Hedtoft-Hansen sein Wissen über die geplante Aktion mit. Hedtoft-Hansen und andere organisierten sofort eine systematische Warnaktion. Schwedische Diplomaten, die ebenfalls von Duckwitz unterrichtet worden waren, konnten nach kurzer Zeit mitteilen, daß alle dänischen Juden in Schweden willkommen seien. Schließlich verabredete Duckwitz noch mit dem deutschen Hafenkommandanten in Kopenhagen, daß die Patrouillenboote in jener Nacht nicht klar zum Auslaufen sein sollten.

Am 1. Oktober, um 21 Uhr, fielen plötzlich im ganzen Land die Telephone aus. Lastwagen, bemannt mit Gestapo-Männern, deutschen Ordnungspolizisten und dänischen Handlangern, fuhren aus, um nach sorgfältig vorbereiteten Listen die Verhaftungen vorzunehmen. Aber die meisten Wohnungen, an deren Türen die Menschenjäger läuteten, waren leer. Hier und da konnten sie eine alte oder kranke Person auf ihre Lastwagen zerren, aber weitaus die meisten der etwa 7000 dänischen Juden waren bei Freunden untergekommen. Andere wurden unter falschem Namen in Krankenhäusern versteckt. Und in den nächsten Tagen und Wochen konnten sie fast alle nach Schweden in Sicherheit gebracht werden.

Die Rettung der dänischen Juden, nur möglich dank der Courage und praktischen Solidarität von Tausenden von Beteiligten, gehört sicherlich zu den bemerkenswertesten Ereignissen des Zweiten Weltkrieges. Ungewöhnlich war es nicht zuletzt, daß der Mann, der die Rettung durch seine Mitteilungen an Duckwitz überhaupt erst ermöglichte, eben Reichsbevollmächtigter Dr. Best, ein Obergruppenführer, also ein General, der SS war.

Werner Best handelte jedoch weniger aus Menschenfreundlichkeit als vielmehr aus politischer Ratio. Seit seinem Amtsantritt im November 1942 hatte er sich nach Kräften bemüht, zwischen deutscher Besatzungsmacht und dänischer Gesellschaft ein möglichst reibungsloses Verhältnis zu erhalten; der Besatzungsaufwand wäre dann am geringsten. Das setzte natürlich voraus, daß man sich auf deutscher Seite allzu grober Eingriffe enthielt. Eine Aktion wie diese geplante Juden-Deportation wäre "schlimmer als ein Verbrechen: ein Fehler". Der gebildete Dr. Best pflegte dieses Motto Talleyrands gern zu zitieren.

Seine Politik brachte Best immer wieder in Konflikt mit dem Führerhauptquartier, aus dem er häufig zu "hartem Durchgreifen" gedrängt wurde. Beispielsweise forderte Hitler, daß Aktionen der Widerstandsbewegung mit "Gegenterror" im Verhältnis von fünf zu eins beantwortet werden sollte. Best war dagegen der Auffassung, daß man auf diese Weise die "Terroristen" nicht abschrecken könne und lediglich die Bevölkerung gegen die Besatzungsmacht aufbringen würde. Nur ordentliche polizeiliche Ermittlungen und formal einwandfreie Prozesse könnten bei dem ausgeprägten Rechtsbewußtsein der Dänen zum Ziel führen. Best konnte sich, was das praktische Vorgehen betraf, weitgehend durchsetzen. Dieser Mann kann wegen seiner geschmeidigeren, intelligenteren Politik einen Teil des Verdienstes dafür in Anspruch nehmen, daß Dänemark relativ glimpflich durch den Krieg kam; er hat wirklich oft Schlimmeres verhütet. Als die Dänen ihn dann nach dem Krieg für einige Jahre einsperrten, fühlte er sich darum ungerecht behandelt. Um seine Politik zu erläutern, verfaßte er noch im Gefängnis eine Schrift mit dem Titel: "Die deutsche Politik in Dänemark während der letzten 2 1/2 Kriegsjahre". Diese Schrift liegt nun gedruckt vor: