Von Peter Handke

Wie nur die Liebe, welche die Gedichte Jan Skäcels auf mich Leser übertragen – vollkommen schweigsame und im Schweigen ganz ihr Genüge findende Augenblicke der Zuneigung über die Gedichte hinaus zu den Dingen der Welt – hinüberbringen ins Reden, in die Worte einer sogenannten Laudatio?

Sachlich – nicht bleiben (denn sachlich bin ich nicht von vornherein), sondern werden; sich an die Sachen, die Wörtlichkeiten der einzelnen Gedichte, halten; und dann sachlich sagen – es zumindest versuchen, auch wenn dabei zugleich schon wieder eine Empfindung dazwischen spielt: die Empfindung beim Lesen von Jan Skácels Gedichten wie die von wärmendem Sommergras unter den bloßen Sohlen. So beruhigend, begütigend, erdend wirken seine Gedichte – mag in diesem Sommergras auch so manche Stechbiene sein; denn, nach Skácel: "der dichter setzt / zur wehr sich wie die biene / und schenkt das eigene sterben / dem den er verletzt."

Ich habe nicht alle der in etwa vier Jahrzehnten entstandenen Gedichte Skácels lesen können, und alle die, die ich las, nahm ich, bis auf eines, nicht im originalen Tschechischen auf, sondern in der, scheint mir, märchenhaft glücklichen deutschen Übersetzung Reiner Kunzes: Doch haben die hundert und mehr mich beseelenden und mich ihren Gegenständen einverleibenden Skäcel-Poeme (ja, nicht der Leser hat sie sich einverleibt, sondern umgekehrt) genügt, der Poetik des großen tschechischen Dichters innezuwerden. Es ist eine Poetik, die sich nie schließt zu einer Kette von Sätzen; sie zeigt sich jeweils nur in einem einzelnen Satz, beiläufig, im Verlauf des Gedichts, als bloßer Hauch, ist selbst, als Hauch, pur Gedicht.

Diese so offene Poetik möchte und darf auch ich hier nicht zusammenfügen, geschweige denn definieren, ich kann nur ein paar einzelne solcher Anhauche aufzählen: "erfindbar sind gedichte nicht / es gibt sie ohne uns irgendwo seit / irgendwo hinter sie sind dort in ewigkeit / der dichter findet das gedieht". Oder: "aufrecht gehn gedichte die erwachsen sind / Vierzeiler aber wie meine hier / kommen auf allen vieren zu mir / wie lämmer und esel oder wie ein kind". Und: "laß schon sein räum im gedicht / für immer auf wie eh und je". Und: "Jenen deren muse nicht betteln geht von tür zu tür / sind schon einige hier bei uns..." Und: "Und wie musik beenden oder ein gedicht / ohne eine kleine menschliche lüge..." Und dann: "Und mein durst mein weißer / wird die Wörter an den fingern abzählen / wird zählen auf daß ich meine tagesdosis / nicht überschreite". Und dann: "Und der dichter bittet unterdessen um ein wort / um ein wort nicht wie blei / um ein wörtchen hirserund / und spart das wort sich ab vom mund". Und nicht zuletzt: "Die gegenwart des gedichts ist angedeutet / durch leichte trauer / von nichtsehen zu nichtsehen teilt es sich uns mit..." Und nicht zuletzt: "Doch erinnere ich mich dann von neuem, / und zum Kaffee sage ich bereits die Verse her, / bedächtig, mühsam, damit sie zu dauern..."

In unseren deutschsprachigen Breiten ist Jan Skäcel vor allem mit zwei Dichtern verglichen worden: mit Georg Trakl und Peter Huchel. Keiner dieser beiden Vergleiche hat mir beim bedächtigen Lesen der Gedichte Skácels auch nur im geringsten eingeleuchtet. Trotzdem, glaube ich, können sie fruchtbar werden, wenn sie ihr Gewicht verlagern vom Vergleichen auf das Unterscheiden. So sehe ich zwar hier und da bei Jan Skäcel eine Hommage auf Trakl, oder eine anmutig-heitere Reverenz, wie etwa: "und trommle / wie mein weißes gefühl mir befahl", oder: "und im Quaken der Frösche / grünte die Nacht", oder, ganz klar da: "Gern hab ich den Augenblick, / da der Hyazinthenschrei der Kinder den Abend aufweckt" – aber nirgends so etwas wie einen Einfluß, ja nicht einmal eine Verwandtschaft, oder höchstens eine Verwandtschaft in dem Sinn, daß man Skácel einen in die Außenwelt, die Natur, die Landschaft entkommenen Trakl nennen könnte, ausgestattet auch mit der Dankbarkeit eines so Davongekommenen.

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