Rund um die DDR brodelt das sozialistische Lager. Aber die SED-Führung stemmt sich ängstlich gegen das Rad der Geschichte, dessen Lauf doch nach ihrer eigenen Ideologie nicht aufzuhalten ist. Ihre Politik heißt: Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen.

In Peking werden Tausende von friedlichen Studenten, Alte, Frauen und Kinder zusammengeschossen. Aber SED-Generalsekretär Erich Honecker meint, Horrornachrichten würden den klaren Blick auf die Ereignisse versperren.

In Polen zeigen die Bürger bei den Wahlen zum Sejm und zum Senat, wie wenig sie vom Kommunismus halten. Aber die DDR-Presse berichtet gerade noch, daß aus der Landesliste der Regierungskoalition nur zwei Kandidaten im ersten Wahlgang durchkamen und daß für den Senat 92 von hundert Sitzen besetzt worden seien – von wem, nämlich von der Solidarnosc, wird verschwiegen.

Ungarn bewegt sich mit Siebenmeilenstiefeln in Richtung Pluralismus. Der Eiserne Vorhang zu Österreich wird demontiert, jeder Ungar erhält einen Reisepaß, die Reformer in der Arbeiterpartei erklären den Kommunismus für reformunfähig, und Imre Nagy erhalt ein ehrenvolles Begräbnis. In der DDR-Presse findet sich über all das kein einziges Wort.

Kaum eine andere kommunistische Partei und kein anderes Parlament hat sich zu den Massakern und Massenverhaftungen in China so unkritisch geäußert wie die Volkskammer der DDR. In ihrer Resolution heißt es, daß die von der Partei- und Staatsführung Chinas "beharrlich angestrebte politische Lösung innerer Probleme infolge der gewaltsamen, blutigen Ausschreitungen verfassungsfeindlicher Elemente verhindert worden ist. Infolgedessen sah sich die Volksmacht gezwungen, Ordnung und Sicherheit unter Einsatz bewaffneter Kräfte wieder herzustellen. Dabei sind bedauerlicherweise zahlreiche Verletzte und auch Tote zu beklagen." Im übrigen sei das Ganze eine innere Angelegenheit der Volksrepublik China. Selbst die Zeitung der von der SED ausgehaltenen Westberliner SEW, Die Wahrheit, nannte die Vorgänge in Peking ein "brutales Vorgehen des Militärs gegen die Studenten" und sprach von Tausenden von Toten und Verletzten.

Da die DDR-Führung wissen muß, wieviel Unmut und Empörung diese Rechtfertigung der Pekinger Mordnacht in der Bevölkerung auslöst, muß es Gründe dafür geben. "Ordnung schaffen" nannte der mutmaßliche Honecker-Nachfolger Egon Krenz das Vorgehen in Peking, und man solle "alles unterlassen, was destabilisierend wirkt", vor allem die Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten.

Ordnung schaffen, das ist auch die Hauptsorge der Partei- und Staatsführung der DDR. Deshalb werden 120 Bürger festgenommen, wenn sie dem Staatsrat eine Eingabe überbringen wollen, in der um die Aufklärung der widersprüchlichen Ergebnisse der Kommunalwahlen ersucht wird. Deshalb werden in Leipzig 140 Menschen festgesetzt, die sich zu einem nicht genehmigten Straßenmusikanten-Festival treffen wollen. Deshalb wird allen, die den Verdacht der Wahlfälschung äußern, ein Verfahren wegen Staatsverleumdung angedroht.