Die Rolle des "öffentlichen Intellektuellen"

Von Gunter Hofmann

Bilder tauchen aus der Erinnerung auf. 1963 in Heidelberg: Der kleinste Hörsaal ist viel zu groß für die wenigen Studenten, die der Vorlesung des jungen Dozenten folgen. Als Hinterbänkler, wie das in der Politik heißt, möchte man diesem Jürgen Habermas aber doch zuhören, der auf so seltsamen Umwegen von Frankfurt und den Köpfen der Kritischen Theorie, Adorno und Horkheimer, über den "Partisanenprofessor" Wolfgang Abendroth in Marburg nun zu dem Hermeneutiker Hans-Georg Gadamer gekommen ist.

Von Anbeginn wird man den Eindruck nicht los, wie dunkel, fremd und hochkompliziert das alles auch klingt, es handele sich nicht nur um abstrakte Sozialphilosophie, sondern ziele mitten hinein in die erstarrten Zeitverhältnisse. Damals ging die Adenauer-Ära gerade zu Ende, in welche Habermas, ein Kind der reeducation, wie er sich selber nennt, hineingewachsen war.

1986 in Bonn: In der Hamburger Landesvertretung folgt ein kleiner Kreis von Interessierten dem Vortrag von Jürgen Habermas, der sich mit "apologetischen Tendenzen" namhafter Historiker befaßt. Mit Versuchen nämlich, wie er es sieht, die Hitler-Jahre und Auschwitz – für ihn das Unvergängliche und Eingravierte in das Bewußtsein – einzuebnen und auch zu relativieren. Das Ganze auch noch wissenschaftlich verbrämt.

Das war der Beginn des "Historikerstreits". In diesem Streit ist es Habermas gelungen, viele, jedenfalls unsereins, wachzurütteln und die ganzen Sinnstiftungsversuche in politischer Absicht in die Defensive zu zwingen.

Was man 1963 bloß ahnte, konnte man jetzt besichtigen: einen öffentlichen Intellektuellen, der nicht zu überhören war und auch Wirkung hatte. Eine singuläre Erscheinung.