Die Geschichte eines Klassentreffens – fünfzig Jahre danach

Von Frank D. Hirschbach

Gegen 10 Uhr morgens am 11. November 1938 klopfte der Hausmeister Herr Wolff an die Tür der Prima das Gymnasiums und der Deutschen Oberschule in Berlin-Zehlendorf, tauschte das übliche „Heil Hitler“ mit dem Englischlehrer Herrn Augner und berief den Schüler Franz Hirschbach zum Direktor. Johannes Wicht, ein korpulenter Glatzkopf, befahl dem Schüler Hirschbach, seine Sachen zusammenzupacken und nach Hause zu gehen. Des Direktors Art war kühl, aber nicht unfreundlich, wie man eben in Zehlendorf damals derlei peinliche Dinge handhabte. Der Schüler Hirschbach war nicht allzu überrascht über die Ereignisse des Morgens. Er hatte am Abend vorher am Radio vom Tode Ernst von Raths, vom Volkszorn und den brennenden Synagogen gehört. Obgleich das Visum der Vereinigten Staaten für seine Eltern, seinen Bruder und ihn noch ausstand, vertraute er auf das Affidavit, das Onkel Alfred vor geraumer Zeit aus New York geschickt hatte. In wenigen Monaten würde er mit dem Cunard White Star Dampfer Aquitania nach New York abdampfen.

Angesichts des nahenden Abiturs hatte der Deutschlehrer Dr. Curt Meyer der Klasse vor kurzem das nicht überaus originelle Aufsatzthema „Wie sehe ich meine Zukunft?“ gestellt. Bei Franz hatte der letzte Satz gelautet: „Und obgleich ich in wenigen Monaten nach Amerika auswandern werde, lebt in mir die unerschütterliche Zuversicht, daß auch ich mich eines Tages wieder einen Deutschen nennen darf.“ Das mit der „unerschütterlichen Zuversicht“ roch ein wenig nach der Sprache, die Franz täglich hörte und die später ein Viktor Klemperer lingua tertii imperii nennen würde. Aber das Gefühl war echt wie auch die Trauer, mit der Franz im Februar 1939 von Deutschland, Zehlendorf und einigen seiner aufrechteren Schulkameraden Abschied nahm.

Von New York und New Haven aus blieb er noch fast ein Jahr lang, selbst nach Ausbruch des Krieges, mit einigen von ihnen in Verbindung. Ihre Briefe erzählten vom Abitur, von Feiern und Ferien, von Mädchen und Verlobungen, von Studierplänen. Verschlüsselt gab ihm der eine oder der andere seine Sympathie kund. Franz schrieb über das neue Land, über die Fabrik, in der er arbeitete, über seine eigenen Aussichten. Dann fiel der Vorhang. Aus Franz wurde Frank, er diente in einer Artillerieeinheit der U.S. Army, beschoß Würzburg und Nürnberg und München, aber am 8. Mai 1945 schoß er nur Leuchtkugeln in die Luft über Salzburg, um das Ende des Krieges zu feiern. Im Dezember fuhr er nach Hause, um Germanistik zu studieren und deutsche Literatur an einer amerikanischen Universität zu unterrichten.

Einer der Kameraden von damals schrieb ihm bald darauf aus einem englischen POW-Camp aus Ägypten, und Frank schickte ihm Care-Pakete. Der ehemalige Freund wurde später Diplomat und Botschafter der Bundesrepublik, und die beiden trafen sich in Detroit, Belgrad und Bonn. Bei seinen vielen Besuchen in der Bundesrepublik blätterte er zuweilen im Berliner Telephonbuch und fand die Namen einiger, mit denen er seine Jugend verbracht hatte. In der Kantstraße prangte an einem Gebäude das Emailleschild eines Klassenkameraden, der inzwischen Rechtsanwalt geworden war. Aber Frank ging nicht hinauf und rief niemanden an.

Geste der Wiedergutmachung?