Von Martin Ahrends

Ferien mit fünf Kindern sind keine Ferien, jedenfalls nicht für die Eltern". Begleitet von der Warnung einer vielfachen Mutter, die also wissen sollte, wovon sie redet, machen wir uns mit vier eigenen und einem Nachbarskind auf den Weg zum dänischen Kattegat-Strand. Wir sind noch nicht über die Grenze, da muß sich Jule (12) übergeben, Mörpl (1) schreit und hat die Hosen voll, Lea (3) heult, weil sie ihren Lukas im Puppenwagen vergessen hat, Sarah (6) will malen und findet keinen Platz, Judith (7) boxt Sarah, weil sie sich zu breitmacht.

Enge, schlechte Luft, stundenlang stillsitzen, das glatte Gegenteil von Ferien, und ich muß mir etwas einfallen lassen, um für das ferne Ziel zu werben. Schillernde Muscheln fallen mir ein und gesprenkelte Schnecken. Haie? Nein. Meerungeheuer? Vielleicht, aber liebe, mit roten Augen und einem abstehenden weißen Schnurrbart; sie fressen Tang, Algen und Quallen und sind sehr menschenscheu. Was ist Tang, was sind Quallen, fragen die Kinder. – So kommen wir der Sache und dem Ziel-allmählich näher.

Endlich in Bønnerup angekommen, inspizieren wir erstmal das Holzhaus, finden es sehr gemütlich und praktisch. Die Eltern sind erleichtert, daß nicht viel kaputtgehen kann: Holzwände und -türen, Kokosläufer, kein Lack, keine Tapeten, die man vor Kinderhänden in Schutz nehmen müßte. Die dänischen Sommerhäuser haben nichts von der Behäbigkeit und Endgültigkeit unserer winterfesten Bauten, sie sind mit leichter Hand gebaut. Sie wirken wie Spielzeug und bringen uns gleich in Ferienstimmung.

Dänemark in der Vorsaison, leere Strände. Beim Wandern durch die ufernahen Wälder mit ihren gedrungenen Schwarzkiefern und tiefgelb blühenden Ginstersträuchen begegnet man nur den ansässigen Hasen, Rehen, Kuckucken und Ameisen. Die Strände sind sehr sauber, das Wasser ist sehr kalt. Alles wartet ein paar schläfrige Wochen lang auf den Sommer, auf die große Hitze und den großen Rummel, die Eisbuden und die Urlauber.

In diesen Tagen ist das alles noch nicht wahr, da hören wir den Tag über nichts als eine vielstimmige Vogelwelt. Und natürlich die See, die jeden Tag eine andere Stimme und ein anderes Gesicht hat; die Gezeiten ziehen von der Nordsee her und sind noch abgeschwächt spürbar. An manchen Stellen gibt es ein kleines Watt mit Wattwürmern und Seegras und Schnecken. Der Nordstrand von Bønnerup ist flach, eine breite Sandbank, die man bei Ebbe trockenen Fußes erreichen kann. In der leichten Senke zwischen Ufer und Sandbank, alle sechs Stunden neu durchflutet, erwärmt sich das Wasser schnell – ein ideales Kinderplanschbecken.

Nach unserer Ankunft ist der Himmel zunächst bedeckt, es regnet dann und wann, wir hocken im Ferienhaus und suchen in der grauen Wolkenmasse, die sich vorm Fenster vorüberschiebt, nach blauen Flecken. "Irgendwo müßte ein Reißverschluß sein", sagt Judith, aber wir können ihn nicht entdecken.