Nichts wirkt in Rom so abschreckend wie der Straßenverkehr. Die Römer verbringen nämlich einen beachtlichen Teil ihres Lebens damit, morgens zur Arbeit zu hasten, mittags zum Essen nach Hause, nach der Siesta zur Arbeit zurück und am Abend wieder nach Hause zu hetzen. Da gibt es dann vier Hauptverkehrszeiten, zu denen sich die Autoschlangen durch die Straßen wälzen und sie mit Abgasen füllen. Die Rushhour endet eigentlich erst nach Mitternacht.

Es ist also vernünftig, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen. Bus- und Straßenbahnfahrten sind erstaunlich billig in Rom. Aber es lohnt sich nicht nur aus diesem profanen Grund, sich in die Finessen des römischen Transportwesens zu vertiefen. Die wahre Belohnung für den lernwilligen Fremden ist das Hochgefühl, das ihn nach der Meisterung der öffentlichen Fahrt befällt. Besucher, die sich mit Erfolg die Technik des Autobusfahrens in Rom angeeignet haben, sollten von der Stadtverwaltung einen Orden bekommen, als ersten Schritt zur Ehrenbürgerwürde.

Nähert sich ein orangefarbener Bus der Haltestelle, so zischt er wie ein Drachen, und es fliegen, scheinbar ohne menschliches Zutun, Flügeltüren auf. Da stehe ich nun abwartend, bis das Wageninnere die Passagiere ausspuckt; bis sich die Fahrgäste auch nach dem langwierigen Kampf durch den brechend vollen Bus ihre zerdrückten Kleider zurechtgeschüttelt haben – noch glaube ich in meiner Unschuld, ich solle auch durch diese Türen einsteigen. Gerade will ich das tun, da schnappen die Türflügel mit einem höhnischen Laut vor meiner Nase zu und lassen mich auf dem Bürgersteig zurück. Eben sehe ich noch, wie viele dunkle Augen voller Mitgefühl auf mich herabblicken, da entschweben sie schon in die Ferne.

Den nächsten Bus dann besteige ich voller Entschlossenheit. Schnell versuche ich, an einer Stange Halt zu finden und greife doch erstmal nach dem Nächstbesten, um das Gleichgewicht zu wahren – in die Soutane eines Priesters und nach dem Gürtel einer eleganten Römerin. Die derart Bedrängten nehmen das mit Gelassenheit – von ihrem Urahnen, dem altrömischen Advokaten Hortensius trennen sie ja immerhin 1900 Jahre. Der soll nämlich damals einem Bekannten einen schriftlichen Protest geschickt haben, weil dieser ihn angerempelt und ihm dabei die Togafalten durcheinandergebracht habe.

Kaum ist der Buseinstieg bewältigt, da will schon die nächste Lektion gelernt sein. Als Rom-Neuling weiß ich natürlich nicht, wann die Haltestelle naht, an der ich aussteigen möchte. Und als ich sie dann erkenne, stehe ich eingekeilt zwischen zwanzig Römern, die mir den Weg zum Ausgang versperren. Die Taktik des Busfahrens – das lerne ich nun – besteht also darin, mich vom Augenblick des Einstiegs an in Richtung Ausstieg vorzuarbeiten. Nur so kann ich, mit gemurmeltem scusi und permetto und einem geschundenen Schienbein, in kürzester Zeit bei der geöffneten Tür sein, ehe sie sich zischend wieder schließt.

Doch muß ich nicht befürchten, die Tür gerade im Augenblick des Zuschnappens zu erreichen – und, eingklemmt zwischen ihren Flügeln, bis zur nächsten Haltestelle mitsausen zu müssen? Der weise Ovid hat seinerzeit die Qualen zukünftiger Romreisender wie ein Hellseher erkannt und ihnen einen klugen Leitspruch vorausgeschickt: „Perfer et obdura, dolor hic tibi proderit olim’ – Ertrage es und halte durch, der Schmerz wird dir einst nützen.

Nach einigen Tagen schon bin ich vom Lehrling zum Gesellen avanciert: Ich werde nicht mehr von dem orangenen Bus-Drachen beherrscht, sondern beherrsche meinerseits die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel. Endlich wird mein Blick frei für die Mitreisenden. Sie geben einen großartigen Querschnitt durch die Bevölkerung wieder, vom Bettler, der eben noch auf der Via del Corso schlief, bis zur Diplomatengattin, die auf Stöckelschuhen zum Lunch in der Via Veneto unterwegs ist. Nur den Römer in der Toga, den suche ich vergebens. Heidi Blankenstein