Erich Honecker führte vor 28 Jahren die Bauaufsicht, als die Berliner Mauer errichtet wurde. Es ist kaum zu erwarten, daß er je selber die Abriß-Kommandos in Marsch setzen werde. Rechtzeitig zu Gorbatschows Besuch in der Bundesrepublik hat er noch einmal zu Protokoll gegeben, was er immer sagt: Die Mauer müsse bleiben, solange die Bedingungen existieren, die das SED-Regime im Sommer 1961 zu ihrem Bau veranlaßten.

Und da hat er nun leider wohl recht, so schwer dies auch zu schlucken ist. Solange er (oder sein Nachfolger) befürchten muß, daß die DDR „ausblutet“, wenn das Brandenburger Tor geöffnet wird, hat der Abbau der Mauer keine Chance. Genau dies jedoch muß er gewärtigen, solange der Lebensstandard drüben weit unter dem westdeutschen Niveau liegt und die DDR-Bürger von den kleinen Freiheiten und der großen Freiheit der Menschen im Westen nur träumen können. Die Mauer kann erst fallen, wenn in dieser Hinsicht von Grund auf Wandel geschaffen ist.

Bis dahin braucht das DDR-Regime auch keinen massiven Druck aus Moskau zu befürchten. Die Mauer bildet ja zugleich den Wall, hinter dem Gorbatschow sein Perestrojka-Experiment vorantreiben kann, ohne daß ihm die Trümmer seines Imperiums um die Ohren fliegen. Sie hält zusammen, was vom Ostblock übrig ist. Dieser Zwinge wird der Kreml-Chef sich nicht begeben. Tröstende Äußerungen aus sowjetischem Munde, auch die Große Chinesische Mauer habe nicht ewig gehalten, oder besänftigende Lügen wie „Das war nicht unsere Mauer“ sollen uns milde stimmen – einen Sinneswandel zeigen sie nicht an.

Auch deswegen müssen die Deutschen den Erfolg der Perestrojka wünschen: damit die Mauer fallen kann. Würde sie vorher geschleift, höbe eine wilde Flucht nach Westen an; darauf wird sich kein Herrscher in Ost-Berlin oder Moskau einlassen wollen. Erst der Ausgleich des Wohlstands- und Freiheitsgefälles zwischen Ost und West wird den Abbruch der Mauer zu einem gefahrlosen Unternehmen machen. Th. S.