Von Hans-Joachim Müller

Noch einmal hebt er ab. An den Topfpflanzen vorbei zum offenen Fenster hinaus. Hinaus über die Dächer der nächtlichen Stadt. Die ihn anfunkelt mit ihren grünen und roten Fensteraugen. Und die Straßenlaternen auf ihn richtet. Als habe sie schon gewartet auf seinen letzten Flug. Wie er da angeschwebt kommt, verzückt und schwerelos. Im korrekten Ausgehanzug, mit frisch gestärktem Hemdkragen. Die Morphiumspritze zwischen den Krakenfingern. Ein Hauch von „Ach Welt!“ auf den spitzen Lippen.

„Der Tod des Dichters Walter Rheiner“. Nach seinem Fenstersprung ein Anonymus aus dem Kreis der poetae minores. Kaum ein Lexikon weiß mehr etwas vom Aufstieg und Fall des süchtigen Reimers. Sein Porträtist sollte bekannter werden. Conrad Felixmüller hat die gespenstische Szene 1925 gemalt. Damals hatte sich gerade Hans Hildebrandt im „Handbuch der Kunstwissenschaft“ erbost: „... Felixmüller, der allzufrüh als kommendes Genie Ausposaunte, der bei dem süßen Kitsch gelandet ist.“

Süßer Kitsch? Felixmüller, seit 1919 KPD-Mitglied, hat die zwanziger Jahre emphatisch kämpferisch erlebt: „So wie mit den ersten Augenblicken meiner Bewußtwerdung alles Sein mit aller Not und Sorge durch mich floß, wie aus Arbeit und Enttäuschung, Schönheit und Konzentration, Widerspruch und Zerwürfnis, berauschende Liebe, unendliche Ruhe wurde, freudige Zuversicht, heiteres Wissen – so auch aus der Kunst des Könnens eine Kunst des Willens: im Bewußtsein ihrer Einordnung in das Leben der menschlichen Gesellschaft.“ Später dann hat er doch dringend darum gebeten, ihn nicht bloß auf die „kurze Zeit meines Expressionismus“ festlegen zu wollen. Und als seine furiose Chronik vom Selbsttod des Dichter-Kollegen von der „Robert Gore Rifkind Collection“ in Beverly Hills erworben wurde, war er längst als wackerer Landschafter in die Kunstgeschichte eingegangen.

Seit Jahren versucht Stephanie Barron am Los Angeles County Museum of Art die vielfach verstellte Ursprungsgeschichte des Expressionismus zu rekonstruieren. Eine erste Bilanz ihrer erfolgreichen Recherche gab sie 1983/84 mit der Anthologie „Skulptur des Expressionismus“, der zum Beispiel ein bis dahin gründlich übersehener Holzbildhauer wie Hermann Scherer seinen späten Ruhm verdankt. Auch ihre neue Ausstellung ruft wieder eine ganze Anzahl vergessener oder niederrangig gehandelter Namen und Bilder ins lückenhafte Kunstgedächtnis zurück: allen voran Gert Wollheim, Heinrich Nauen, Walter Jacob oder Magnus Zeller, deren Werke bei der Aufarbeitung regionaler Expressionistenzirkel wie der Dresdener Sezession, der Berliner Novembergruppe oder des Jungen Rheinland zwar immer wieder entdeckt worden sind, aber sich eben doch nie richtig durchgesetzt haben.

Die Ausstellung im Düsseldorfer Kunstmuseum, das ihr seine eigene umfangreiche Sammlung Junges Rheinland“ angliedert, grenzt erstmals eine „idealistische Phase in der Entwicklung des Expressionismus“ zwischen 1915 und 1925 ein. Widerspricht also dem kunsthistorischen Ondit, nach dem „alle bedeutenden Leistungen des Expressionismus vor 1914“ erfolgt seien. Bis zum Ersten Weltkrieg hatten sich ja die expressionistischen Gründerzentren schon wieder aufgelöst.

Die Maler der „Brücke“ oder des „Blauen Reiters“ waren auseinandergegangen, hatten sich als Kriegsfreiwillige gemeldet, waren an der Front umgekommen oder verwundet, vom Schrecken geprägt und hochpolitisiert heimgekehrt, wo sie in verstreuten Widerstandszellen zusammenfanden, die der so blutig diskreditierten alten Ordnung nicht mehr nur ihr rebellisches Jugendgefühl entgegenschleuderten, sondern sich nun entschieden einmischten in mancherlei Versuche, aus den aufgeriebenen Strukturen der Gesellschaft eine neue Lebenswelt zu schaffen. Ihre künstlerischen Waffen waren so unterschiedlich gefährlich wie die politischen Visionen der Zeit: Die einen gaben sich fundamentaloppositionell wie die Dadaisten im Zürcher Exil, andere, die Mitglieder des Berliner „Arbeitsrats für Kunst“ zum Beispiel, mehr republikanisch entschlossen, wieder andere schwärmerisch pazifistisch wie die Kollwitz. „Das Wort ,Expressionismus‘ ist ein Kampfwort“, schrieb Herwarth Walden.