Für die Familie des Einödbauern Alois Hiltensperger im bayerischen Brunnenbach bei Kochel am See hat in der vergangenen Woche ein neues Zeitalter begonnen Die Emodler am Kocheier Moor bekommen ihren Strom jetzt von der Sonne.

Unweit vom Hof haben die Isar Amperwerke, ein Elektnzitatsversorgungsunternehmen (EVU) m Bayern, dem Bauern eine kleine Solarzellenanlage mit Geld des Bonner Forschungsministers errichtet, damit Hiltensperger endlich den stinkigen und lärmenden Dieselgenerator abstellen konnte. Jetzt scheint im Stall des Bauern die Sonne, sie speist die Melkmaschine ebenso wie Waschmaschine, Bügeleisen und Fernseher. Der Emodbauer hegt m einem klimatisch gunstigen Gebiet- 1900 Stunden im Jahr scheint die Sonne. Das reicht aus, neunzig Prozent des Strombedarfs zu decken — dank High Tech im Moor.

Kein Wunder, daß Bayerns Wirtschaftsminister August Lang es sich nicht nehmen ließ, den Einzug der Moderne auf dem Hof des Bauern Hiltens perger selbst zu inszenieren. Schließlich kam seine Auffuhrung gerade rechtzeitig, um zu beweisen, wie recht Ministerpräsident Max Streibl mit seiner zwei Tage zuvor geäußerten Bemerkung hatte, daß die "bayerische Staatsregierung nicht aus lauter Kernenergiefetischisten besteht".

Zwei Tage zuvor, das war am 6. Juni, in Bonn hatte die Bundesregierung gerade entschieden, die Wiederaufarbeitungsanlage m Wackersdorf (WAA) endgültig aufzugeben. Kernbrennstoff aus deutschen Atomkraftwerken wird künftig m Frankreich aufgearbeitet. Am gleichen Tag verkündete Bayerns Ministerpräsident Streibl das Wiedergutmachungsprogramm für die Oberpfalz, wobei er sich als Energie Alternativer in Szene setzte. Die Bayern, so Streibl, gehorten zu jenen, "die am meisten tun, um zu anderen Energieformen zu kommen". Das sind ganz neue Tone. Schließlich ist es noch nicht lange her, daß Streibls Vorganger Franz Josef Strauß die Zukunft der Bundesrepublik in düstersten Farben für den Fall zeichnete, daß sie auf die nukleare Wiederaufarbeitung verzichte. FJS prophezeite einen "Ruckfall ms vonndustnelle Armenhaus".

Gegenwartig sieht es allerdings ganz danach aus, als wurden Bayern, die Oberpfalz und ganz Sbesonders die Standort Gemeinden Wackersdorf, Bodenwohr, Schwandorf und Neunburg dank des WAA Verzichts reich werden. Die Gemeinden brauchen zum Beispiel jene zinslosen Darlehen, mit denen ihnen vor Jahren die Zustimmung zur Atomfabrik abgekauft wurde, nicht mehr zurückzuzahlen Und die Zuschüsse für begonnene wie geplante Infrastruktur Investitionen der Gemeinde Wackersdorf fließen auch erst einmal weiter Die Stromwirtschaft will sich das Ansiedlungsprogramm rund eine Milliarde Mark kosten lassen, weitere 500 Millionen wollen der Freistaat und Bonn beisteuern.

Die Unternehmen haben mit Bonn allerdings noch nicht gesprochen, so auch nicht darüber, ob die vom Staat gewahrten Investitionszulagen für Wackersdorf zurückgezahlt werden müssen. Bei dem für das Projekt vorgesehenen Finanzvolumen war nach dem Investitionshilfegesetz eine staatliche Zulage von rund einer Milliarde Mark vorgesehen. Verzichtet der Fiskus darauf, bedeutet das: Die Stromwirtschaft bezahlt die Wackersdorf Entschadigung komplett mit Steuergeld Einzelheiten des finanziellen Handels, den Max Streibl mit den Unternehmen und der Bundesregierung als Wiedergutmachung für Wackersdorf vereinbart hat sind allerdings noch unbekannt. Der Bonner Finanzminister Theo Waigel und sein Kollege Helmut Haussmann vom Wirtschaftsministerium wollen sich vorerst nicht in die Karten sehen lassen; offensichtlich, weil vieles noch gar nicht verbindlich geklart ist.

Das ist auch nicht weiter verwunderlich. Alle Beteiligten haben unter äußerstem Zeitdruck gehandelt, um der Atomfabrik möglichst rasch — vor den Europawahlen am kommenden Sonntag (18. Juni) — und werbewirksam den Garaus zu machen Da die Politiker jedoch auch wissen, daß mehr Mißtrauen als Vertrauen gesät wird, wenn sie nicht belegen, was sie wortreich verkünden, zauberte Ministerpräsident Streibl auch ein konkretes Projekt aus dem Hut. Der Münchner Elektrokonzern Siemens und die zum Teil dem Freistaat gehörende (58 Prozent) Bayernwerk AG, Bayerns größter Stromerzeuger, werden gemeinsam eine Fabrik für die Produktion von Solarzellen bauen.