Von Michael Rutschky

Neulich wieder. Wir trafen diesen Professor aus dem süddeutschen Raum, der vor seiner schnuckeligen kleinen Stadt nach West-Berlin zu fliehen pflegt. Bloß anonym im Café sitzen und lesen: Das könne ihm dort unten nie gelingen; immer erkenne er irgend jemanden und müsse ein Gespräch führen; dabei ist für den modernen Menschen Anonymität ein Lebenselixier.

Wir besprachen das in einem solchen Café. Dann war die Lage der Nation und die Lage der Soziologie dran. Wenn man sie unter solchen Umständen voller Wohlbehagen erörtert, dann kommt natürlich heraus, daß sie herzlich schlecht sind. Niklas Luhmann? Beschäftigt sich nur noch mit der Architektur seines eigenen Systems. Jürgen Habermas? Ist in die Philosophie abgewandert. Man müßte – man müßte über diese Welt hier, der Professor macht eine umfassende Geste, mal wieder wie Simmel schreiben. Da haben wir es.

Georg Simmel ist ein Gerücht und ein Versprechen. Wenn die Vorbildlichkeit seiner Arbeitsweise als Soziologe breiter durchgesetzt wäre, dann würden wir von unseren Soziologen besser bedient. Wobei das Versprechen weiterhin sagt, daß es Freude macht, sich in dieser Weise mit der eigenen Gesellschaft zu befassen; der Soziologe trägt hier unvermeidlich Züge des Animateurs – er veröffentlicht als philosophischer Journalist Feuilletons in der Zeitung, er ist ein Medienintellektueller, dessen Einsichten von den Damen entzückt weitergereicht werden. Sehr zum Ärger der Herren; die meinen nämlich, der Geist sei männlich und gehöre als solcher in die Universität; worauf die Damen mit den zahlreichen Beobachtungen, die ihr Meister zur damals so genannten „Geschlechterfrage“ gemacht hat, zu kontern pflegen.

Daß Simmel Vorbild, aber als solches nicht breit genug durchgesetzt sei, das kann sich jetzt ändern, wo der Suhrkamp-Verlag eine Gesamtausgabe von 24 Bänden angefangen hat, die, von Otthein Rammstedt und zahlreichen Sub-Herausgebern verantwortet, philologischen Ansprüchen genügen und, wenn ich richtig gerechnet habe, im Jahre 2010 abgeschlossen sein soll. Die einzelnen Bände erscheinen gleichzeitig als Hardcover und im Taschenbuch, und sie sind einzeln beziehbar; wer sich für Simmels Werk „Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung“ (1908) interessiert, das als Band 11 noch in diesem Jahr erscheinen soll, braucht sich also nicht zugleich für den Erwerb der kunstphilosophischen Erörterungen zu Goethe (1913) sowie Rembrandt (1916) zu entscheiden, die in Band 15 kommen werden und, wie ich mir von Kennern habe sagen lassen, ganz fürchterlich sind. Parallel zur Gesamtausgabe werden Einzelauswahlen erscheinen – „Schriften zur Soziologie“, „Schriften zur Philosophie und Soziologie der Geschlechter“, „Das individuelle Gesetz. Philosophische Exkurse“ – sowie Bände mit gelehrten Simmel-Studien, in denen uns Abhandlungen verabreicht werden wie: „Heinz-Jürgen Dahme, Der Verlust des Fortschrittsglaubens und die Verwissenschaftlichung der Soziologie. Ein Vergleich von Georg Simmel, Ferdinand Tönnies und Max Weber“. Kurzum, die Suhrkamp-Kultur expandiert auf einen bislang nur spärlich besiedelten Kontinent namens Simmel, und das ist, damit Simmel als Gerücht und Versprechen endlich hier ankommt, gut so.

Von den beiden Bänden 2 und 6, mit denen das wuchtige Unternehmen jetzt gestartet ist, mögen Sie bereits euphorische Besprechungen gelesen haben, insbesondere von Band 6, „Philosophie des Geldes“ (1900), und ich hatte kurzfristig erwogen, meinen Platz hier für Hohn und Spott über diese Rezensionen auszugeben: Daß die Rezensenten die gut siebenhundert eng bedruckten Seiten des Werkes gewiß nicht durchgearbeitet, sondern sich auf das Gerücht verlassen und bloß die gut hundert Seiten des sechsten Kapitels, überschrieben „Der Stil des Lebens“, gelesen haben, das solche Einsichten in die Struktur der modernen Welt exponiert, wie ich sie an unserem Professor aus Tübingen vorgeführt habe: Er kommt in die große Stadt, um ihre Anonymität und sich selbst dann schwimmend zu genießen. Daß das Sein sich gerade nicht in Berlin, sondern in Todtnauberg entberge, diese Uberzeugung des dreißig Jahre jüngeren Martin Heidegger hat Simmel fern gelegen.

Die Wirkungsgeschichte seiner „Philosophie des Geldes“ ist in der Tat einschüchternd. Simmeis Schüler Georg Lukács hat sie, nach seiner Konversion vom Ästheten zum Schwermarxisten, in seinen ruhmreichen Studien über „Geschichte und Klassenbewußtsein“ (1923) mit dem notorischen Kapitel über den „Fetischcharakter der Ware“ aus dem „Kapital“ von Marx und Engels verknüpft und zu seiner Theorie der „Verdinglichung“ fortentwickelt. Im Kapitalismus, wenn das Geld zwischen allem und jedem vermitteln kann, werden die verschiedenartigsten Lebensbereiche, werden Menschen und Dinge einer Rationalität unterworfen, die alle anderen Beziehungen, die zwischen ihnen spielen mögen, vernichtet, indem sie von ihnen abstrahiert. Daß die Entfremdung sich einer realen Abstraktion verdanke, die von der Moderne, von einer entfalteten Geldwirtschaft, an der traditionalen Gesellschaft vollzogen wird, worüber diese zerfällt – indem er dies Theorem inspirierte, hat Simmel einen Grundbaustein der linken Sozial- und Kulturkritik geliefert, der sich noch im Lehrgebäude Theodor W. Adornos findet und den man auch bei Jürgen Habermas entdecken kann, wenn er die Lebenswelt, die, nachdem sie sich von der Traditionalität emanzipiert hat, nach einer kommunikativen Vernunft sich zu organisieren strebt, von der technischen Rationalität bürokratischer Apparate bedroht sieht, die sie „kolonisieren“ wollen. Um den Ausgangspunkt dieses Entfremdungstheorems bei Georg Simmel wenigstens mit einem einzigen Zitat zu beleuchten: „Jene Hemmungsvorstellungen: daß an einem bestimmten Gelde ‚Blut klebt‘ oder ein Fluch haftet, sind Sentimentalitäten, die mit der wachsenden Indifferenz des Geldes – indem es also immer mehr bloß Geld wird – ihre Bedeutung ganz einbüßen. Die rein negative Bestimmung, daß keinerlei Rücksicht sachlicher oder ethischer Art, wie sie sich aus anderen Besitzarten ergibt, die Verwendung des Geldes bestimmt, wächst ohne weiteres zur Rücksichtslosigkeit als einer ganz positiven Verhaltensart aus.“