Václav Havel erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Trotz Glasnost überwintern Verhältnisse, in denen eher Gefängnisjahre als Romane, eher politisches Engagement als literarisches Schaffen Ruf und Ruhm von Schriftstellern begründen. Bei aller sonst im Westen gepflegten Zurückhaltung gibt es immer mehr, die den Mut einer nicht legalisierten Opposition im Osten zu achten wissen: Václav Havel, tschechischer Bühnenautor und Dramaturg, wurde der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen, als er eben aus seinem dritten Gefängnisaufenthalt entlassen worden war.

Seit Havel vor über zwölf Jahren die Menschenrechtsbewegung "Charta ’77" mitbegründete und mehrfach als ihr Sprecher fungierte, gilt er der Staatsmacht als Wortführer der Widerständler und Opponierenden, aber genau deshalb erwarten Tausende von Mitbürgern sich Hoffnung und Aufmunterung von ihm. Dabei treibt Havel weder politischer Kampfgeist noch missionarischer Eifer; nie, meint er, habe er über eine ausgeprägte politische Ansicht verfügt: "Meine Berufung habe ich immer als die Pflicht begriffen, die Wahrheit über die Welt zu sagen." Doch für seine Beschäftigung mit Politik gibt es ebenso viele persönliche wie gesellschaftliche Gründe. Die bürgerliche Klassenherkunft vermittelte dem 1936 geborenen Václav Havel wegen des privilegierten Status ein Gefühl des "unverschuldeten Ausgegliedertseins", das sich später unter kommunistischer Herrschaft verfestigte. Zum Studium nicht zugelassen, mußte er als Laborant und Kulissenschieber arbeiten, und erst als er schon zum Autor und Dramaturgen im "Theater am Geländer" avanciert war, öffneten sich ihm der Schriftstellerverband und das Verbandsorgan Tvář. Doch aus dem offiziell noch geduldeten Enfant terrible der sechziger wurde sehr bald der aus der Öffentlichkeit verdrängte Dissident der siebziger Jahre: nicht weil Havel sich änderte, sondern weil das Regime die trügerische Hoffnung hegte, in der auf den sowjetischen Panzern 1968 aufgebauten Friedhofsruhe könne es seine Herrschaft verewigen.

Seitdem macht Havel Politik, seitdem ist er eine moralische Instanz. Er ist der Stachel wider den Einheitsgeist, Rebell gegen Bürokratie und Gewalt, Aufsässiger gegen die Arroganz der Mächtigen, aber auch gegen das Duckmäusertum der Unterdrückten. Havel erlag nie der Versuchung des Kommunismus – er verteidigte die Vergänglichkeit des Menschen, seine Einsamkeit und Lächerlichkeit in der Welt, als es noch amtlich befohlen war, an den Sieg des Kollektivs und den unaufhaltsamen Aufstieg der Menschheit zu glauben.

Havel ist voller Selbstzweifel, und deswegen leidet er unter dem "närrischen Idealismus", der ihn an die Rolle eines Schriftstellers als Gewissen der Nation bindet, einer Rolle, die ihn in seiner persönlichen Freiheit einschränkt. Doch Havel hat auch erfahren, wie die "rein sittliche Tat", zu der ihn sein Gewissen treibt, politische Wirkung zeigt, wie sie anderen Mut gibt. Václav Havel macht Politik wie einige seiner Kollegen in der Sowjetunion, in Rumänien oder auch in China: durch das persönliche Vorbild, durch seinen gegen die Verzweiflung behaupteten Widerstandsgeist und die Bereitschaft, für die eigene Meinung auch ins Gefängnis zu gehen.

Es ist noch nicht lange her, daß die großen bundesdeutschen Parteien die Annäherung zwischen Ost und West nicht durch Kontakte zu Oppositionellen gefährden wollten. Havel mußte die bittere Erfahrung machen, daß "manche unserer westlichen Freunde und Mitarbeiter uns bald so auswichen wie die hiesigen Schriftsteller, weil sie fürchteten, die hiesigen Autoritäten zu provozieren". Die Jury des Deutschen Buchhandels hat bereits mit der Nominierung von Wladyslaw Bartoszewski vor drei Jahren bewiesen, daß sie sich einem derart begrenzten und kurzsichtigen Verständnis von Entspannungspolitik nicht unterwirft: Ein Václav Havel, der wieder in seine Heimat zurückkehren darf, kommt als Preisträger zur rechten Zeit. Helga Hirsch