Der sowjetische Generalsekretär in Bonn: Verträge, Abkommen und Protokolle unter einem politischen Dach

/Von Christian Schmidt-Häuer

Bonn, im Juni

Im Park der Villa Hammerschmidt, zwischen Blutbuchen, Rosen und Radiokabeln, rühmte der sowjetische Außenamtssprecher Gennadij Gerassimow, ansonsten vorzugsweise der amerikanischen Sprache und Presse zugeneigt, die Atmosphäre mit einem neugelernten deutschen Wort: "Kaiserwetter". Noch Zeremonie- und geschichtsbewußter hatten kurz zuvor zwei Fernsehreporter zwischen Studio und Flughafen live debattiert, ob das sanfte Blau, aus dem Michail Gorbatschow gerade auf Bonn herabgeschwebt war, nun Kaiser- oder gar Zarenwetter bedeute.

Kaiser oder Zar: Der Mann, der am Montag mittag am Amtssitz des Bundespräsidenten mit nur mühsam verborgener Erschöpfung seine ersten Schritte auf die Spitzen der bundesdeutschen Regierung und Diplomatie zu tat und für eine erwartungssüchtige Massenpresse handverlesene junge Deutsche in und auf den Arm nahm – er war der mächtigste Mann auf dem schwankendsten Grund unter allen bisherigen Bonn-Besuchern. Soeben war er vom Volkskongreß mit mehr demokratischer Legitimation versehen worden als alle früheren Kreml-Chefs, ohnedies ist er mit mehr konstitutionellen Vollmachten ausgestattet als der amerikanische Präsident. Doch vier Tage lang mußte Michail Gorbatschow sein brodelndes Land von der Bundesrepublik aus praktisch mit Notstandsverfügungen über die Runden führen.

Vierzig Jahre lang hatte Moskau starr und zäh versucht, sich die europäische Nachkriegsordnung vom Westen bestätigen zu lassen. Jetzt zerfällt sie von Osten her immer rapider, die Risiken werden immer größer, ökonomisch wie politisch. Mit seiner Reise nach Bonn hat Gorbatschow deshalb selber das Ende der Nachkriegszeit zu paraphieren versucht – um sich in eine neue Ordnung zu retten, um die von Stalin ererbte Konkursmasse in einer gesamteuropäischen Auffanggesellschaft sanieren zu können. Die Bundesrepublik als Brückenkopf einer eher verantwortungsbewußt-verzweifelten als verführerischen sowjetischen Westpolitik zu gewinnen – das war das Ziel, das der Präsident mit seinem Besueh erstrebt und erreicht hat.

Im Kerzenschein, aber durchaus nicht in vages Zwielicht gehüllt, hat der überlastete russische Atlas das am Montag abend in der Redoute auf den Begriff gebracht. Die Bundesrepublik nach sowjetischen Maßen zu ihrer bisher positivsten Größe seit Kriegsende ausformend, sagte er über die "Gemeinsame Erklärung": "Das ist wohl das erste Dokument von solchem Charakter und solcher Dimension, in dem zwei große europäische Staaten, die unterschiedlichen Systemen und Bündnissen angehören, die Mühe unternehmen, sich philosophisch über den Sinn des zur Zeit von der Weltgemeinschaft erlebten Augenblicks Gedanken zu machen und gemeinsam die Ziele ihrer Politik darzulegen."