Jetzt, da die Kommunistische Partei gekommen, wird sich die Bitternis in Süße verwandeln Täglich sendet Radio Lhasa erbauliches Liedgut, das die Segnungen der neuen Zeit preist. Die Ankunft der neuen Machthaber 1950 in Tibet wurde für die heute 56jährige Adhi Tapetso aus der Ostprovinz Kahm indes zum Verhängnis. Ihre Opposition gegen die vermeintliche Befreiung kam sie teuer zu stehen.

Der streitbare Menschenschlag der Khampa hatte sich gleich nach dem Einmarsch der chinesischen Volksbefreiungsarmee zum Widerstand formiert. Als der Dalai Lama, das geistige und weltliche Oberhaupt der buddhistischen Tibeter, neun Jahre später unter Lebensgefahr das Himalayaland verlassen mußte, sicherten Hunderte von Khampa Kämpfern seinen Weg ins indische Exil. Die Exilregierung des Dalai Lama im nordindischen Städtchen Dharamsaia hat einen fünf Punkte umfassenden Friedensplan vorgelegt, um in Verhandlungen mit China Autonomie im chinesischen Staatsverband mit Selbstverwaltung in allen internen Angelegenheiten zu erreichen.

Im April dieses Jahres war die Lage in Tibet Thema einer internationalen Anhörung in Bonn, zu der die Grünen Abgeordnete Petra Kelly und Ex General Gert Bastian aufgerufen hatten. Tiefe Betroffenheit löste die Zeugenaussage von Adhi Tapetso aus. In einem Zf7 Gespräch berichtet sie über die schlimmsten Jahre ihres Lebens. Damit, so sagt sie, erfülle sich ihr sehnlichster Wunsch: Zeugnis abzulegen von dem Leidensweg eines in seiner Existenz bedrohten Volkes.

Nur selten huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Hinter dunklen Brillengläsern halb verborgen verfolgen wache Augen das Geschehen um sie herum. Ihre Miene hellt sich auf, sobald die Rede auf den Dalai Lama kommt. Die "Seele Tibets", sagt sie.

In ihrer Jugend schwebte ihr vor, einmal ein religiöses Leben zu führen. Damals hütete sie noch in den Bergen der Kham Provinz die Schafe ihrer Familie.

1 Materielle Not war ihr unbekannt, mit Vorliebe widmete sie sich Tanz und Gesang. Unter der nomadischen Bevölkerung nahm ihre Familie eine Sonderstellung ein. Das brachte ihr später den Vorwurf der chinesischen Besatzer ein, zur "reaktionären Oberschicht" zu gehören. Die Hälfte ihres Lebens hat Adhi Tapetso — geboren 1933 — in Gefängnissen und Arbeitslagern, dann auf Weisung der chinesischen Behörde geächtet in ihrer osttibetischen Heimat gelebt — und überlebt. Die Tortur "schlimmer als der Tod" endete 1987 mit der Flucht nach Nepal. Heute lebt Adhi Tapetso gemeinsam mit ihrem zweiten Mann in Dharamsaia — dem Dalai Lama nahe. Ich war gerade 25 Jahre alt geworden und lebte in Kandze, als an einem Morgen sechs chinesische Polizisten kamen, um mich zu verhaften. Damals hatte ich zwei Kinder, mein Sohn war drei Jahre und meine Tochter erst wenige Monate alt. Die Polizisten beschuldigten mich, zu der Revolte im Osten Tibets angestachelt zu haben. Als sie meine Hände auf den Rücken fesselten, umklammerte mein kleiner Sohn meine Beine und wollte mich nicht fortlassen. Er hatte wohl begriffen, daß seine Mutter abgeholt würde. Die Männer schlugen auf das schreiende Kind ein und rissen es von mir. Noch heute klingt mir sein Schreien in den Ohren, denn er wollte mit mir gehen. Als ich mich noch einmal zu ihm umdrehte, zerrten sie mich an den Haaren und schlugen auf mich ein. Seither bin ich auf dem rechten Ohr fast taub.

Meine Tochter wachte in dem Augenblick auf, als sie mich aus dem Haus stießen. Ich konnte noch sehen, wie sie mich anlachte. Später haben sith Nachbarn um sie gekümmert und sie großgezogen. Sie hatte noch Glück, und ich habe sie nach vielen Jahren einmal wiedergesehen Über meinen Sohn habe ich gehört, daß er verrückt geworden ist und sich umgebracht hat. Er soll ins Wasser gesprungen sein.