ARD, Dienstag, 20. Juni, 23.00 Uhr: „Neapel“, Film von Heinz von Cramer

Vor einer Woche war an dieser Stelle von Chicago die Rede; als Pendant kann man sich das Porträt von Neapel ansehen, auch ein Autorenfilm und ein filmischer Essay. Beide Filme haben Europa im Blick, von sehr verschiedenen historischen Orten aus. Chicago ist an die 150 Jahre alt, Neapel ist eine griechische Gründung aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert. Chicago ist reich, Neapel ist arm; wo gibt es mehr zu lernen fürs künftige Europa?

Heinz von Cramers Film berichtet von einem privaten Institut, in dem man sich vorgenommen hat, an der moralischen und geistigen Erneuerung Europas zu arbeiten. Mit der Eroberung der Neuen Welt, mit dem Sklavenhandel sei die Kultur der Alten Welt pervertiert, erklärt der Chef der neapolitanischen Erneuerer. Der merkantile Geist, die Raublust habe über den Humanismus triumphiert, schon am Anfang des 16. Jahrhunderts. Und weil dies ein Neapolitaner sagt, kann man es nicht als Rhetorik abtun. Neapel ist noch immer eine Menschenstadt. Die Bauten sind Diener, sie dienen dem, was ihre Bewohner täglich an neuem Leben erfinden. Die Häuser, die Straßen diktieren den Menschen nicht ihr Gesetz. Auch die Zentralgewalt in Rom ist fern, so fern wie der technische Fortschritt. In Nepael ist man auf sich selbst gestellt und ist stolz darauf. In kleinen Handwerksbetrieben auf den Hinterhöfen, in den Wohnstuben der Großfamilien organisiert man sich den Broterwerb – das funktioniert noch heute, obwohl es bei der Konkurrenz der großen Industrie längst nicht mehr funktionieren dürfte.

Die Neapolitaner haben in Jahrhunderten gelernt, zu improvisieren, sich immer neuen Herrschern, immer neuen Gesetzen anzupassen – und sich ihnen gleichwohl zu entziehen. Den Römern folgten Normannenkönige und Schwabenkaiser, Ockupationen durch die Anjou, die Katalanen, Spanier, Österreicher und Bourbonen. Und die Wehrmacht wurde von den Neapolitanern vertrieben, bevor die Amerikaner kamen.

Die Vitalität, der Lebensimpuls der Stadt kommt nicht von ihren jeweiligen Herrschern, sie hat ihre eigenen heimlichen Herren und deren ungeschriebene Gesetze. Die Camorra beherrscht den städtischen Handel, die Industrie, das Bauwesen, die Politik, das ganze öffentliche Leben, aber auf nicht öffentliche Weise.

Sie ist, anders als die Mafia, nicht monarchisch organisiert; ein paar Familien der Stadt, haben sich die Einflußsphären und Einnahmequellen untereinander aufgeteilt. Tote gibt es nur, wenn man sich in die Quere kommt. Durch ihren wirtschaftlichen Einfluß verfügt die Camorra über riesige Wählerpotentiale und hat somit auch die Politik in ihren Händen. Heinz von Cramer hält sich mit einer Wertung dieser funktionierenden Infrastruktur deutlich zurück. Für ihn ist sie etwas Gewachsenes, das ersetzt, was die Zentralgewalt nicht leisten kann oder will.

Die Camorra lebt von der Unübersichtlichkeit, vom „weichen Bauch“ der Stadt; im Chaos des neapolitanischen Großmarktes läßt sich alles mögliche verhandeln, hier organisiert sich Neapels Leben täglich aufs neue. Der Großmarkt-Neubau, der das Marktgeschehen ordnen und übersehbar machen sollte, steht bis heute leer. Martin Ahrends