Jetzt hat auch die Union dem Moskauer Vertrag zugestimmt

Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Juni

Nein, das hat es schon lange nicht mehr gegeben. Ob nun bei der Ankunft Michail Gorbatschows im Präsidialamt, nach dem Abendessen in der Bad Godesberger Redoute, vollends dann auf dem Bonner Markt und an den meisten anderen Lokalitäten, die der Gast passierte: freundliche Neugier zuhauf, Beifallklatschen, „Gorbi, Gorbi“-Rufe. Altgediente Bonner rechnen zurück, wann sich die Hauptstädter, die sonst Staatsbesuche wie das Wetter über sich ergehen zu lassen pflegen, das letzte Mal in solcher Zahl auf die Beine gemacht haben. Sie kommen auf die Visite der Königin Elizabeth. Das war 1978.

Plötzlich, so spürt man, nimmt die für die Menschen gewöhnlich so abstrakte Politik in einer Person Gestalt an. Und die Resonanz an den Straßenrändern schlägt wiederum auf die Politik durch, auch dann, wenn sie sich ganz nüchtern darbietet. Einblick am zweiten Besuchstag: Im sogenannten Informationssaal des Kanzleramtes ist um und hinter dem Kanzler und dem Generalsekretär eine kleine Heerschar aus Ministern, Staatssekretären, hohen Beamten, Beratern und Wirtschaftskapitänen aufgereiht. Trotzdem herrscht feierliche Stille, in der man nur die Apparate der Pressephotographen klicken und die Klimaanlage rauschen hört. Eine halbe Stunde lang werden ein Dutzend Verträge, Abkommen und Protokolle unterschrieben. Da ist in ledergebundenen Mappen festgehalten, was künftig die Beziehungen zwischen Bonn und Moskau prägen soll. Auch das statuarische Ritual der Unterzeichnung symbolisiert, auf seine Weise, Außergewöhnliches.

Das Dach über den vielen Übereinkünften bildet jene „Gemeinsame Erklärung“, in der nicht nur fixiert ist, wie es die Bundesrepublik und die Sowjetunion fortan miteinander halten wollen, sondern die auch so etwas wie eine gemeinsame Politik auf bestimmten Gebieten umreißt. Niemand in der Bundesregierung und auch über das amtliche Bonn hinaus, der mit dieser Deklaration nicht zufrieden wäre, weil sich darin so gut wie alle westlichen Essentials wiederfinden. Das gilt für das Selbstbestimmungsrecht der Völker oder die individuellen Menschenrechte ebenso wie für den Begriff einer europäischen Friedensordnung unter Einschluß der USA und Kanadas oder den Schutz nationaler Minderheiten. Es fehle eigentlich nur noch, sagt ein an den Verhandlungen Beteiligter, die Forderung nach dem Abriß der Mauer. Umgekehrt spiegelt die Erklärung viel von jenem Credo wider, das Michail Gorbatschow seit seiner ersten großen programmatischen Rede vor dem KPdSU-Kongreß 1986 immer wieder variiert: das Credo von der Verhinderung jedes Krieges, von der gemeinsamen Sicherheit und den systemübergreifenden Aufgaben der Menschheit.

Natürlich bewegt sich die Deklaration nicht im Luftreich der Träume, sondern hat ganz handfeste Wurzeln im Erdreich der Interessen. Wenn sich in den Vorverhandlungen Moskau den Bonner Textentwurf weithin zu eigen gemacht hatte, dann deshalb, weil es dem Kreml sozusagen um eine zweite Unterschrift unter den Moskauer Vertrag von 1970 ging, diesmal von der nun in Bonn regierenden Union.