Nachdem der deutsche Aktienindex in der vorangegangenen Woche wieder einen neuen Jahreshöchststand erreicht hatte, kam es zu einer Konsolidierungsphase. Anleger – vor allem aus London – verkauften Papiere und sicherten sich dadurch Kursgewinne. Die Börsianer waren verunsichert durch die Dollarschwankungen, durch die sich in der Bundesrepublik abzeichnenden inflationären Tendenzen und nicht zuletzt durch die bevorstehende Europawahl.

Ihr Ergebnis wird zeigen, so lautet die Meinung vieler, ob die jetzige Koalition nach den Bundestagswahlen im kommenden Jahr eine Chance hat, weiter zu regieren, oder ob sich die Anleger auf eine rot-grüne Bundesregierung einstellen müssen. Erst wenn die Wahlen gelaufen sind, könnten längerfristige Anlagestrategien entwickelt werden, wird behauptet.

Allem Anschein nach wird die noch verbleibende Zeit dieser Legislaturperiode dazu benutzt, Konzentrationspläne zu verwirklichen. An der Börse jedenfalls blüht die Übernahmephantasie. Es vergeht kein Tag, an dem nicht neue Gerüchte über bevorstehende Paketwechsel auftauchen. Wenn auch die meisten sofort wieder dementiert werden, beeinflussen derartige Versionen die Kurse der betroffenen Unternehmen. Ein Zeichen dafür, daß die Spekulation nach wie vor aktiv ist.

Von verschiedenen Seiten werden Listen sogenannter Übernahmekandidaten herumgereicht. Die in Kursgraphiken bewanderten Experten wollen aus ihnen ablesen können, wo und wann Aufkäufe eingesetzt haben. Auftrieb erhielt die Übernahmephantasie, als zu Beginn dieser Woche der Plan eines Zusammengehens zwischen Krupp und Salzgitter bekannt wurde. Krupp-Aktien legten sofort im Kurs sprunghaft zu. Als potentielle Aufkäufer gelten weiterhin Veba, Viag und das RWE. Die Versorgungswirtschaft sucht nach neuen Beteiligungen, auch in nicht verwandten Branchen, da in der Stromwirtschaft künftig nur vergleichsweise wenig zu verdienen sein wird.

Die Gerüchte über einen Einstieg des RWE bei der Preussag sind zwar dementiert worden; sie zeigen aber, was die Börsianer dem RWE alles zutrauen. Vierzig Prozent des Preussag-Kapitals liegen bei der Westdeutschen Landesbank, die sich – wie andere Banken auch – Gedanken darüber machen wird, ob eine solche Beteiligung heute noch zeitgemäß ist. K. W.