Meinst Du, Schankwirt, daß diese Flasche Schnaps mir ein Genuß war? Leid, Leid habe ich auf ihrem Grunde gesucht, Leid und Tränen, und die habe ich gefunden und gekostet ..." So spricht der tragische Säufer Marmeladow in Dostojewskis Roman "Schuld und Sühne" und bittet dann Gott um Gnade, weil er mit seiner Trunksucht das Leben seiner Frau ruinierte und seine Tochter in die Prostitution trieb. Die bittere Rede Marmeladows wurde, glaubt man Dostojewski-Forschern, in einer finsteren Spelunke irgendwo beim Heumarkt im alten St. Petersburg gehalten.

St. Petersburg heißt schon lange Leningrad und der Heumarkt "Platz des Friedens" – und würde der Titularrat Marmeladow heute leben, sein Schicksal sähe wahrscheinlich ganz anders aus. Nicht nur, daß Michail Gorbatschow als "Genosse Mineralsekretär" den Alkoholkonsum seiner Landsleute drastisch regelementiert, der Säufer würde heute schlicht keine Kneipe für sein Laster finden. Zwar gibt es in Leningrad theoretisch 1400 Lokale, aber was heißt das schon: In den staatlichen Gasthäusern behandeln die Kellner die Gäste nach dem Motto, das ein amerikanischer Journalist einmal so formulierte: "Ignore them, and maybe they’ll go away" (ignoriere sie, vielleicht verschwinden sie dann).

Seit etwa einem Jahr nun gäbe es eine Alternative für Marmeladow, vorausgesetzt er hätte sich in den Besitz von Dollar, D-Mark, Finnmark oder einer anderen harten Währung gebracht. In diesem Fall könnte er vom "Platz des Friedens" am Jekaterinen-Kanal (der heute Gribojedowa-Kanal heißt) entlanggehen bis zum Newski-Prospekt und stünde dann vor der "Tschajka". Tschajka heißt auf deutsch Möwe und ist der Name für das erste Hamburger Bierlokal in Leningrad. Oder, wie das Lokal wirbt: Die "Kompanija Leningrad Tschajka" ist das "erste Joint-venture auf dem gastronomischen Gebiet zwischen der UdSSR und der Bundesrepublik Deutschland".

Die "Tschajka" ist tatsächlich ein ganz normales Lokal, und läge sie am Großneumarkt, einem Hamburger Vergnügungsviertel, kein Mensch käme auf die Idee, darüber etwas in der Zeitung zu schreiben: Am Eingang ein Wirtshausschild (eine Möwe mit Helgoländer Schiffermütze hält ein Bierglas im Flügel), holzgetäfeltes Interieur, zwei Sorten Bier vom Faß, zum Essen Matjes, Labskaus und Rote Grütze.

Nun befinden wir uns aber in der Sowjetunion, und fast alles, was es in der neuen Kneipe gibt, empfinden die Menschen hier als etwas Ungeheuerliches: Daß der Gast schnell bedient wird, daß der Kellner ihn fragt, ob das Essen geschmeckt habe und ob er noch etwas anderes wolle, daß die Klimaanlage funktioniert und daß immer ein paar Taxis vor der Tür warten. Und entsprechend voll ist die "Tschajka" dann auch.

Die Geschichte dieses Lokals ist eine deutschsowjetische Erfolgsstory ganz besonderer Art und wird ungefähr so erzählt: Der Hamburger Kneipenwirt Broder Drees besucht Leningrad schon seit Jahren. Die Stadt hat eine Partnerschaft mit Hamburg, überdies war Drees mit einer Leningraderin verlobt. Eine wunderschöne Stadt, fand er, und genau der richtige Ort, um eine Kneipe zu eröffnen. Doch daran war in den alten Zeiten der Planwirtschaft nicht zu denken – bis zu einer denkwürdigen Nacht im Jahre 1987. Damals weilte wieder einmal eine Delegation des Leningrader Stadtsowjets im Rahmen der Städtepartnerschaft in Hamburg und besuchte abends Drees’ Lokal am Großneumarkt. Zu später Stunde, man war schon in "Schnapslaune", wie sich ein Teilnehmer erinnert, brachte Drees noch einmal die Idee mit der Kneipe in Leningrad auf; Die Gäste waren begeistert, denn inzwischen hatte der Oberste Sowjet in Moskau ein Joint-venture-Gesetz erlassen, das ausländischem Kapital den Zugang zur Sowjetunion öffnete.

So stürzte sich Broder Drees in das Abenteuer Leningrad, zusammen mit seinem Partner Peter Wolf, einem Hamburger Geschäftsmann, der mit seiner Firma Lencontact West Firmenkontakte in der Sowjetunion vermittelt. 1,7 Millionen Mark investierte die Hamburger Bavaria-St.Pauli-Brauerei in ein heruntergekommenes Haus am Gribojedowa-Kanal, in Einrichtung, Küche, Sanitäranlagen, Klimaanlage, Warmwasserversorgung.