Von Joachim Fritz-VannahmeParis, im Juni

Nicht alle scheinen zu glauben, daß der Kalte Krieg tatsächlich beendet ist. Frankreichs Verteidigungsminister Jean-Pierre Chevènement jedenfalls verbarg seine Skepsis nicht, als er seine mittelfristige Rüstungsplanung für die nächsten vier Jahre vorstellte: "Die Sowjetunion, die 1988 mehr als dreitausend Panzer herstellte, verfügt noch immer über eine gewaltige Militärmacht. Niemand soll glauben, daß sie auf den Status und die Mittel einer Supermacht verzichte. Frankreich darf seine Verteidigung darum nicht vernachlässigen." Doch da sprach ein Verlierer. Wochenlang hatte der Minister um sein Budget gekämpft, gar mit Rücktritt gedroht. Am Ende mußte er hinnehmen, daß Premierminister Michel Rocard das Rüstungsprogramm von 139 auf 128 Milliarden Mark kürzte.

Frankreich rüstet ab. Aber niemand darf das laut sagen. Für das Heer gibt es ein Drittel Leclerc-Panzer weniger, der alte AMX wird nicht modernisiert. Die Marine muß auf ihre neuen Atom-U-Boote und Fregatten etliche Jahre länger warten, der Flugzeugträger Charles de Gaulle wird frühestens 1998 zu Wasser gelassen; die Luftwaffe wird auf zwei Mirage-2000-N-Geschwader verzichten müssen. Gewiß, Frankreichs mittelfristige Planung hat am Ende selten die hochgesteckten Ziele erreicht. Doch zum ersten Mal wird jetzt selbst die atomare force de frappe nicht geschont; denn jene Mirage 2000 N sollten mit atomaren Luft-Boden-Raketen kurzer Reichweite bestückt werden. Über die mobile, bodengestützte S 4-Nuklearrakete werde erst sein Nachfolger entscheiden, kündigte Rocard ironisch an. Entsetzt kommentierte das Nachrichtenmagazin L’Express: "Die sozialistische Regierung schickt sich an, die seit dreißig Jahren verbindliche Strategie zu begraben, ohne eine neue anzubieten." Und der Figaro sah am Horizont des nächsten Jahrzehnts schon "eine Paradearmee" aufmarschieren.

Der berühmte Konsens zeigt Risse. Jahrelang schweißte er Regierung, Opposition und Medien zusammen und entzog Verteidigungsfragen der öffentlichen Diskussion. Das letzte Rüstungsprogramm wurde 1987 von allen Parteien mit Ausnahme der Kommunisten gebilligt. Doch jetzt muß die sozialistische Regierung mit Widerstand der bürgerlichen Opposition rechnen. Kaum ein Programmteil wird von Kürzungen verschont; kaum ein Teil aber wurde mutig und energisch völlig gestrichen. Wie schon ihre Vorgängerinnen klammert sich auch diese Regierung ans Prinzip Vollständigkeit: Frankreich soll danach in allen konventionellen wie nuklearen Bereichen seine eigene Verteidigung garantieren können. Allerdings wird dieser Glaube nun gleich dreifach erschüttert: von Kürzungen und politischem Streit; durch eine von der Armee selbst in Auftrag gegebene Umfrage, die sie am Wehrwillen der Franzosen zweifeln läßt; schließlich von einer Studie in der amerikanischen Zeitschrift Foreign Policy, die von jahrzehntelanger, geheimer Nuklearwaffen-Kooperation zwischen Washington und Paris berichtet.

Ihr Autor Richard Ullmann, in den sechziger Jahren im Planungsstab des amerikanischen Nationalen Sicherheitsrates, recherchierte zwei Jahre lang auf beiden Seiten des Atlantiks. Von 1961 an gaben demnach die Amerikaner an die Franzosen, damals eben erst ein Jahr im exklusiven Klub der Atommächte und noch in den Algerienkrieg verstrickt, Informationen über nukleare Raketen- und Sprengkopftechnik weiter. Trotz Frankreichs Abschied von der Militärorganisation der Nato belebten dann 1972 Nixon und Pompidou diese geheime Zusammenarbeit neu; François Mitterrand und Ronald Reagan sorgten vor vier Jahren – die Kommunisten waren eben aus der Linksregierung ausgeschieden – sogar für eine erweiterte Kooperation, etwa bei der Verkleinerung von Sprengköpfen. "Eines der bestgehüteten Geheimnisse beider Länder", nennt Ullmann diesen Wissensaustausch, der nach seiner Einschätzung anfangs hauptsächlich den Franzosen zugute kam, mit den Jahren aber beiden Seiten gleichermaßen nützte.

Der heutige Princeton-Politikprofessor Ullmann plaudert nicht nur ein Geheimnis aus, er rührt auch an ein französisches Tabu. Einer gaullistischen Legende zufolge baute Frankreich seine force de frappe ohne die Hilfe dritter auf, oft sogar gegen amerikanischen Widerstand. Wie ein Schock habe darum dieser Aufsatz gewirkt, berichtet ein Mitarbeiter des Verteidigungsministers. In einer Erklärung wiegelte das Ministerium ab: "Der technische Informationsaustausch mit den Vereinigten Staaten führt zu keinerlei Abhängigkeit der französischen Nuklearwaffe und bleibt ohne Folgen für die unabhängige Einsatzentscheidung Frankreichs." Die von Ullmann behauptete nukleare Zielabsprache sei reine Erfindung.