Von Heinz-Günter Kemmer

Krupp und Salzgitter, die neuerlich wieder auf Freiersfüßen gehen, geben sich zugeknöpft. Sie können die Liaison, die offensichtlich zur Unzeit ans Tageslicht kam, nicht leugnen, spielen sie aber offiziell herunter. Da ist die Rede von Überlegungen darüber, ob eine „Zusammenarbeit im Bereich der Oberflächenveredelung für beide vorteilhaft sein“ könne, da wird schließlich auch von darüber hinausgehenden Überlegungen gesprochen, die freilich erst im Anfangsstadium seien.

Doch wie das Schicksal so spielt – der Mann, der bei Krupp Stahl über Oberflächenveredelung entscheidet, ist gleichzeitig auch Vorstandsvorsitzender der Holding Fried. Krupp GmbH. Gerhard Cromme, seit dem 1. März Chef bei Krupp, ist nämlich das, was man im Ruhrgebiet einen Zweibändermann nennt, weil er – noch – dem Vorstand der Krupp Stahl AG vorsitzt. Und da sich der Vorstandsvorsitzende von Salzgitter, Ernst Pieper, mit Hingabe auch um die Tochter Stahlwerke Peine-Salzgitter AG kümmert, war das Tete-ä-tete programmiert.

Bald sprach man nicht nur über eine Feuerverzinkungsanlage für Bleche, die beide Konzerne gemeinsam im Krupp-Werk Bochum installieren wollen, oder über eine Zusammenlegung der Stahlinteressen – vielmehr ging es ziemlich schnell um die Frage, ob man nicht gleich die beiden Konzerne vereinen solle. Zwar ist das lange Zeit kränkelnde Bundesunternehmen Salzgitter inzwischen gesundet, zwar hofft der neue Krupp-Chef Cromme, die Verluste im Anlagenbau bald stoppen zu können, eine gemeinsame Zukunft erscheint den Konzernlenkern aber ganz offensichtlich erfolgversprechender als der Alleingang.

Der Altersunterschied zwischen den beiden Chefs spricht dafür, daß es kein Gerangel um die Führungsrolle gibt – oft genug eine Bremse für unternehmerisch vernünftige Entscheidungen. Aber Pieper wird im Dezember 61 Jahre alt und könnte sich dann zurückziehen mit dem guten Gefühl, Salzgitter auf Vordermann gebracht zu haben. Senkrechtstarter Cromme, der nur zweieinhalb Jahre nach seinem Amtsantritt bei Krupp Stahl zum Konzernchef avancierte, hätte mit seinen 46 Jahren die Chance, den neuen Großkonzern beinahe zwei Jahrzehnte lang zu prägen.

Doch die beiden Spitzenmanager entscheiden nicht allein darüber, ob ihre Unternehmen künftig gemeinsam marschieren. Dabei hat Cromme im eigenen Haus wohl weniger Probleme als Pieper, der die Bundesrepublik Deutschland zum Alleinaktionär hat. Zwar hat die Bundesregierung die Privatisierung des Salzgitter-Konzerns auf ihre Fahnen geschrieben, aber das setzt schließlich nicht voraus, daß die ehemaligen Reichswerke Hermann Göring vorher mit irgend jemandem fusionieren. Und wenn doch, dann muß das ja nicht unbedingt Krupp sein – immerhin hat auch Hoesch-Chef Detlev Rohwedder in Bonn Interesse bekundet.

Allzuviel Zeit darf sich die Bundesregierung bei der Musterung der Freier allerdings nicht mehr lassen. Ende nächsten Jahres stehen die Bundestagswahlen ins Haus, und bei einem Machtwechsel könnte die Privatisierung von Salzgitter schnell auf Eis gelegt werden. Auf der anderen Seite darf Bonn sich bei der Privatisierung keinen Flop leisten – wer vom Staat Aktien kauft und daran Geld verliert, der läßt sich davon möglicherweise in seinem Wahlverhalten beeinflussen.