Von Erika Martens

Hermann Rappe ist Realist. Und seinen Realitätssinn, das weiß der Chef der IG Chemie und neuerdings auch Präsident der Europäischen Föderation der Chemiegewerkschaften, wird er in diesem neuen Amt ganz besonders brauchen. Bei der ersten Generalversammlung der Gruppe, zu der 130 Delegierte von 35 Gewerkschaften aus siebzehn Ländern Europas kürzlich in Luxemburg zusammenkamen, machte er denn auch unmißverständlich klar, daß "die Zeit der Freundlichkeiten im Europäischen Gewerkschaftsbund nun vorbei" ist. "Wir haben in der Vergangenheit genug um die Klippen herumgeredet."

Wie viele Klippen es aber bereits zu umschiffen galt, zeigt die Gründungsgeschichte der Föderation deutlich. Die Chemiker, die immerhin mit gut zwei Millionen Beschäftigten zu einer der wichtigsten Branchen in der Gemeinschaft gehören, haben sich relativ spät zusammengefunden. Auf der unverbindlicheren Ebene der Ausschüsse beschäftigen sich die Kollegen zwar schon seit 1958 mit europäischen Fragen, der Zusammenschluß als Föderation aber gelang erst im Mai vergangenen Jahres. In der Liste der Arbeitnehmerorganisationen, die sich unter dem Dach des Europäischen Gewerkschaftsbundes (EGB) zusammengeschlossen haben, stehen die Chemiker damit auf Rang vierzehn. Die Metaller beispielsweise haben diesen Schritt schon 1971 vollzogen, auch die Kollegen aus der Nahrungsmittelbranche und der Textilindustrie, Holzarbeiter und Lehrer, Transportgewerbe und öffentlicher Dienst haben den Weg nach Brüssel längst gefunden.

Den "Spätstart" der Chemie-Organisation, die nun freilich neben den Verbänden aus den zwölf EG-Ländern gleich noch Skandinavier, Österreicher und Schweizer in ihre Gruppe aufnahm, erklärt Hermann Rappe mit den unterschiedlichen gewerkschaftlichen Strukturen. Da wollten sozialistisch und christlich ausgerichtete Verbände in Italien beispielsweise nicht mit Kommunisten an einen Tisch, die Sozialisten Belgiens wiederum mochten sich nicht neben die Vertreter der christlichen Organisationen setzen, und die Spanier weigerten sich, den Basken Zutritt zu gewähren. Jahre hat es gedauert, solche Vorbehalte auszuräumen, über Inhalte ist in der Zeit entsprechend wenig diskutiert worden.

Daß die unterschiedlichen Grundeinstellungen der Organisationen auch künftig viel Zündstoff bieten, ist den Gewerkschaftsspitzen klar. Während die Deutschen auf Absicherung von Mitbestimmung und Betriebsverfassungsgesetz pochen, plädieren vor allem die Südeuropäer für Ad-hoc-Aktionen, berichtet Rappe. Meinungsunterschiede gebe es auch bei der Beurteilung von Wettbewerb und sozialer Marktwirtschaft.

Die Schwierigkeiten, eine gemeinsame Strategie zu entwickeln, haben nicht nur die Chemiker, sie sind im Grundsatz in allen Branchen gleich. Denn in Europa sind die Gewerkschaftssysteme sehr unterschiedlich. In einigen Ländern sind die Organisationen nur Industrieabteilungen eines Bundes, andere sind nach Konfessionen oder politischen Weltanschauungen ausgerichtet, manche sind nur Anhängsel einer Partei. Und während in der Bundesrepublik nach dem Prinzip eine Industrie – eine Gewerkschaft um Mitglieder geworben wird, machen sich in Großbritannien oder Griechenland in einer Branche oft ein Dutzend oder mehr Gewerkschaften gegenseitig das Leben schwer.

Darüber hinaus entstehen aus den verschiedenen Lebens- und Arbeitsgewohnheiten der Menschen ganz unterschiedliche Interessen. Arbeitszeitflexibilisierung etwa spielt in Ländern mit heißer Mittagssonne, entsprechend langer Mittagspause und dann bis in die Abendstunden reichenden Arbeitszeiten eine ganz andere Rolle als im kühlen Norden.