Eine Floßfahrt auf dem wilden Colorado River fordert starke Nerven

Von John Weiß

Als der Bus vor unserem Hotel hält, um mich und meine künftigen Floßgefährten zum Sammelpunkt in Lee’s Ferry abzuholen, überlege ich einen Moment, ob noch ein Rückzieher möglich ist. Wie hatte ich als blutiger Anfänger mich auf dieses Wagnis einlassen können? River rafting, Wildwasserfahren, heißt das Zauberwort, das Floßfahrer aller Länder und Altersstufen an den Colorado River lockt – der von den Rocky Mountains herunterschäumt und sich in Millionen Jahren in das im Wege liegende Hochplateau hineingefressen hat.

In der Mondlandschaft von Arizona, nahe dem Grand Canyon, liegt ein riesiger, zerklüfteter Staussee vor uns. Welch ein Gegensatz zur unwirtlichen Umgebung: exotisch wirkende Badebuchten, Angler, die metergroße Fische aus dem Wasser ziehen, vorbeigleitende Hausboote. Und gleich nebenan, hinter einem fast 200 Meter hohen Staudamm, das Tor zur Unterwelt – der Startpunkt unserer Floßfahrt durch die tiefste Schlucht der Erde, die bis zu 1800 Meter tief in die Felsen gegraben ist. Mehr als sechzig Wasserfälle und Stromschnellen sollen wir auf der 350 Kilometer langen Flußstrecke bezwingen.

Unsere Floßführerin heißt Karen und ist die Tochter eines riverman, der den Colorado jahrzehntelang befahren hat. Sie war schon mit allen Grand-Canyon-Wassern gewaschen, bevor der Vater das Steuer an sie weitergab. Nach der Lagebesprechung am Vorabend sind wir theoretisch vorbereitet. Nun werden die Schwimmwesten angelegt, jeder nimmt seinen Platz ein, und schon reißt uns der Strom mit sich fort.

Durchs Reich der Riesen

Anfangs scheint alles noch recht harmlos. Wir passieren die Marmorschlucht, ein Teilstück des Grand Canyon, dessen Wände wie poliert wirken, unterqueren das Filigranwerk der Navajo-Bridge. Die Brücke, die hoch oben ein Indianerreservat verbindet, ist von schicksalhafter Bedeutung. Denn ab hier trägt der Colorado den Beinamen River of no return, Fluß ohne Wiederkehr. Wer diesen Punkt überschreitet, hat keine Chance mehr umzukehren. Die Strömung ist zu stark, und die Felswände sind unübersteigbar. Ein fernes Rauschen kündigt den ersten größeren Wasserfall an, den „Badger Creek Rapid“, der fünf Meter Gefälle aufweist. Daran, daß wir insgesamt 700 Meter Höhenunterschied zu bewältigen haben, wagt nach dieser ersten kräftigen Dusche niemand zu denken.